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Pressemitteilung - Detailansicht

04.05.2022, Rede des Oberbürgermeisters anlässlich des Myconius-Empfangs 2022 und der Auszeichnung von Jürgen Meister

am 4. Mai 2022 in der Stadthalle Gotha

-es gilt das gesprochene Wort-

Verehrte Myconius-Festgesellschaft,

ist im Gothaer Land vom Meister die Rede, so fällt nicht jedem sofort Meister Eckardt aus Hochheim ein, der in Gotha zur Schule ging und einer der frühen Philosophen geworden ist, sondern man denkt an all die Meister, die in ihrer Profession zu den Besten gehören. Zu den Besten gehören auch die Frauen und Männer, die mit der höchsten Auszeichnung der Stadt Gotha geehrt werden und sozusagen die "Meisterinnen und Meister von Gotha" sind.

Die Myconius-Medaille ist seit 25 Jahren die Würdigung für Menschen, die sich in herausragender Art und Weise um ihre Nachbarschaft, um das Miteinander in Gotha und den Ausgleich in der Stadtgesellschaft bemühen.

Ja, um die Nachbarschaft bemühen oder kümmern, das ist wohl für unseren diesjährigen Preisträger die richtige Gemeinschaft. Er ist der "Meister der Siedlung" und kennt alle "Geschichten über Gartenzaun" und natürlich auch "Neues über Gartenzaun", um seine Tätigkeit zu beschreiben, anhand einer beliebten Fernsehserie, die vor vierzig Jahren im geteilten Fernsehprogramm lief.  Ja, die Gartensprache ist sein beruflicher Werdegang und die lässt ihn auch nicht los im Ehrenamt, denn er tat und tut das, was man als "Humus ausbreiten im Garten" bezeichnet.

Bevor er erntet, da bereitet er vor, bevor er sät, da pflegt er, dann befreit er und dann gießt er aus - immer neue Ideen, damit alles gedeiht. Ja, man könnte sagen seine berufliche Leidenschaft ist ihm auch zum Lebenselixier geworden.

Lieber Jürgen Meister,

die Stadt Gotha sagt DANKE, die Stadt Gotha zollt Anerkennung und der Stadtrat spricht Wertschätzung und Achtung aus, wenn er die Myconius-Medaille vergibt.

Du bist ein Mann, der, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, auch mit dem Kopf durch Türen geht, um Wände einstürzen zu lassen. Und alles, was Du tust, dass tust Du eben nicht für Dich, sondern immer steht für Dich die Gemeinschaft im Mittelpunkt.

Dein Mittelpunkt auf Erden ist Mittelhausen, obwohl du nicht dort geboren worden bist, sondern im Kreisentbindungsheim in der Karl-Marx-Straße 9, wo gleich um die Ecke Deine Eltern im Münzweg 10 wohnten, so war das Haus Deiner Großeltern "An den sieben Teichen" schon seit Deiner Kindheit und Jugend Dein Anlaufpunkt. Die 1932 entstandene Siedlung war Heimat kleiner Familien von Arbeiterinnen und Arbeitern - sie konnten sich durch Hilfe der Stadt Gotha den Traum vom eigenen Heim erfüllen.

Der schon im Jahr 1152 erstmals urkundlich erwähnte Ort Mittelhausen, der einst eine enorme Bedeutung als Gerichtsstätte für Gotha besaß, kam Mitte des 15. Jahrhunderts nach Gotha. Viele hundert Jahre waren die Fluren "Am Lindenhügel", "An den sieben Teichen", "Am Königsbrunnen" und "Am Steinkreuz" nicht mehr bewohnt und erst am Anfang des 20. Jahrhunderts gelang eine Wiederbebauung, die Du mit Lothar Büchner und mit Margitta Lind in zwei Chroniken anschaulich dokumentiert hast.

Ein Stadtteil entstand rund um das erste Aquarium Deutschlands, dass 1882 von engagierten Gothaer Bürgerinnen und Bürgern aufgebaut worden ist, und heute als Keimzelle des Gothaer Tierparks gilt, der ganz in der Nähe Eures Stadtteiles liegt und jährlich 100.000 Menschen begeistert. Es war sozusagen fruchtbarer Boden, der den Humus für erfolgreiches Engagement im Ehrenamt bildete.

Unser Preisträger, geboren am 19. Dezember 1955, um 20 Uhr in Gotha, ist ein Kind seiner Heimatstadt, hat hier im Jahr 1977 als 400. Ehepaar des Jahres den Bund der Ehe geschlossen und wird in diesem Jahr mit seiner lieben Ehefrau, die ihm immer den Freiraum gab, so vieles zu tun, das Fest der "Messinghochzeit" begehen.

Ja, er ist auch einmal fremdgegangen, aber nur der Arbeit wegen, doch, die Familie kam im Jahr der Deutschen Einheit aus der Ferne, und zwar von der IGA, heute EGA aus Erfurt zurück nach Gotha und sieben Tage vor dem ersten Tag der Deutschen Einheit 1990 sind sie wieder Bürger seiner Geburtsstadt geworden, was sie im Herzen immer waren. Goethe, der "Wilhelm Meisters Wanderjahre" schrieb, würde diesen Ausrutscher sicher verzeihen und ihn als "Jürgen Meisters Wanderjahre" bezeichnen.

Mit der Gründung der Siedlergemeinschaft Gotha-Mittelhausen im Thüringer Siedlerbund, deren Vorsitz Jürgen Meister übernahm, begann auch auf seinem Fleckchen Erde ein demokratischer Neuanfang, in dessen Mittelpunkt der Erhalt der Strukturen des Stadtteiles stand und steht. Es sollte kein Zurück in die Solidarität der DDR sein, aber ein Stückchen bewahren aus den Zeiten, wo selbstlos einer dem anderen half, wo mit wenig Geld so manches geschah.
Gab es auch keinen "Konsum" mehr, keine Gaststätte, weil durch die Marktwirtschaft die Kunden fehlten, und auch der Dachverband untergegangen war, so entstand schnell die Idee, das Vereinshaus als gesellschaftliches Zentrum von Mittelhausen zu entwickeln, das bis heute in tausenden Arbeitsstunden unter seiner Leitung aufgebaut worden ist.

Dazu kommen Instandsetzungsarbeiten an der Straßenbeleuchtung, am Straßenkörper und vor allem am Spielplatz, denn, nach seinen Worten, braucht jeder Stadtteil einen ordentlichen Spielplatz. Mit gemeinsamen Veranstaltungen, Bürgergesprächen und Treffen hast Du dazu beigetragen, eine intakte Stadtgesellschaft zu erhalten, was in Zeiten von Corona und Pandemie nicht einfach war und ist.

Toll finde ich auch, dass die Übergabe der Vereinsgeschäfte in jüngere Hände vor wenigen Wochen gelungen ist, denn gerade in der Frage der Nachfolge tun sich viele Leute sehr schwer. Das Du weiterhin mit an Bord bleibst, ist, glaube ich, selbstverständlich. Was wolltest Du auch sonst mit Deiner Freizeit im Unruhestand tun?

Wir ehren in Jürgen Meister aus Gotha-Mittelhausen nicht den Blumen-Papst von Thüringen, nicht den exzellenten Gartenfachmann, obwohl wir wissen, dass er auch mit diesem Engagement, dieser Bekanntheit, seinen Beratungen in Funk und Fernsehen, den von ihm initiierten Blumenzüchtungen, wie der beim Barockfest gestifteten "Gotha-Dahlie", die bald am Hauptmarkt blühen wird, sehr viel für die Bekanntheit seiner Heimatstadt getan hat, von der einst die Fachwelt sprach "Erfurt ist eine Gartenbaustadt, aber Gotha, ist die wahre Gartenstadt". Und wenn man das auch nicht glauben will, so gibt es in unserer Stadt allein 3 Millionen Quadratmeter Fläche für Kleingärten, ca. 6.000 Gärten.

Jürgen Meisters Beispiel macht uns bewusst,

"Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen", denn nur
"Übung macht den Meister".

Nur durch Fleiß, durch ständige Arbeit, durch das Verkraften von Rückschlägen und das Wiederaufstehen sowie das Brennen für die Sache des Ehrenamts mit dem Entfackeln Gleichgesinnter wird man ein

"Meister des Alltags".

Verachtet mir die Meister nicht,
und ehrt mir ihre Kunst!
Was ihnen hoch zum Lobe spricht,
fiel reichlich euch zur Gunst.
Nicht euren Ahnen noch so wert,
nicht eurem Wappen, Speer noch Schwert,
dass ihr ein Dichter seid,
ein Meister euch gefreit,
dem dankt ihr heut' eu'r höchstes Glück.
Drum denkt mit Dank ihr dran zurück,
wie kann die Kunst wohl unwert sein,
die solche Preise schliesset ein?

Mit diesen poetischen Worten des Hans Sachs, aus den "Meistersingern von Nürnberg", erklungen zur Wiedereröffnung des "Opernhauses unter den Linden" in Berlin und der Wiener Staatsoper - beide Eröffnungen waren in Deinem Geburtsjahr 1955 - sagt die Stadt Gotha danke und ihren Bürgerinnen und Bürgern gilt nochmals die Botschaft

"Verachtet mir den Meister nicht".

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