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16.11.2021, Grußwort der Beigeordneten zur Eröffnung der Anne-Frank-Ausstellung in der Heinrich-Heine-Bibliothek

Grußwort der Beigeordneten der Stadt Gotha, Frau Marlies Mikolajczak, zur Eröffnung der Anne-Frank-Ausstellung in der Heinrich-Heine-Bibliothek der Stadt Gotha am 16.11.2021, 17 Uhr im Hanns-Cibulka-Saal

Sehr geehrte Gäste,
und insbesondere sehr verehrte Vertreter des Anne-Frank-Zentrums Herr Eichhorn, Frau Wurzinger und Herr Schmidt,
sehr geehrte Herr Fengler von "Demokratie leben!",
liebe Mitglieder des Kinder- und Jugendforums,
liebe Peer Guides, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtbibliothek und all die anderen Akteure hier im Publikum,

zur Eröffnung der Anne Frank-Ausstellung begrüße ich Sie ganz herzlich!

Es ist mir ein persönliches Anliegen, heute hier sein zu dürfen, liegt mir doch das Schicksal von Anne Frank sehr am Herzen. Anne wäre heute 92 Jahre alt.

Die jüdische Landesgemeinde Thüringen listet 1988 in ihrer Schrift "Gegen das Vergessen. Die Novemberpogrome. Eisenach, Gotha, Schmalkalden. Spuren jüdischen Lebens" die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung Gothas in Zahlen auf. Beginnend mit "ca. 1420" wird die stets wachsende Zahl an Juden in Gotha einmal als Familien, das andere Mal als Einzelpersonen aufgeführt. Sie kulminiert im Jahr 1913 mit der Angabe "372 Juden". Und sie endet im Jahr 1945 mit dem lakonischen Eintrag "keine".1

76 Jahre sind nun seit dem Ende des unvorstellbaren Schreckens vergangen, und das "Tagebuch der Anne Frank", dieses eindringliche Zeitdokument, ist mir seit meiner ersten literarischen Begegnung mit diesem Buch eine gedankliche Begleitung, ja auch eine Mahnung geworden, wachsam zu bleiben gegenüber drohender Ausgrenzung und Verfolgung.

Mit großer Freude habe ich erfahren, dass die Stadtbibliothek Gotha in diesem Jahr der Ausrichter der Anne-Frank-Ausstellung "Deine Anne. Ein Mädchen schreibt Geschichte" sein wird, und es ist mir eine besondere Ehre, die Schirmherrschaft für diese spannenden vier Wochen zu übernehmen. Denn diese Ausstellung und auch ihr Rahmenprogramm stellen gerade für die jungen Menschen unserer Stadt eine ganz besondere Möglichkeit dar, sich mit der Vergangenheit intensiv zu befassen und ganz persönliche Lehren für die Zukunft daraus zu ziehen. Als Peer Guides sitzen Sie nun hier unter uns und freuen sich auf Ihre Aufgaben. Auch das Kinder- und Jugendforum der Stadt Gotha unterstützt als Gastgeber diese Ausstellung, wie wir noch hören werden.

Das "Tagebuch der Anne Frank" ist, und das vergessen wir oft, auch ein Buch der Jugend. Anne Frank bekam das Tagebuch zu ihrem 13. Geburtstag geschenkt. Besondere Bedeutung erlangte das Tagebuch, als sie ganz authentisch aus ihrem Leben im Verborgenen berichtet - zwei Jahre lang -, und das Tagebuch war ihr Medium, dem sie alles anvertrauen konnte. Es ist das Tagebuch eines jungen Mädchens mit all ihren Wünschen und Sehnsüchten und voller überquellender Lebenslust, aber es berichtet auch von der Angst, entdeckt zu werden, den Widrigkeiten der engen Behausung, der Langeweile und der Schwierigkeiten des Alltags, den Einschränkungen und Konflikten. Auch die erste Liebe wird thematisiert. Alles, was sie bewegt, notiert sie in Form von Briefen an eine imaginäre Freundin namens Kitty.

Dieses Tagebuch lässt das schriftstellerische Talent Anne Franks erkennen. Zurecht wird das Tagebuch auch wegen seiner schriftstellerischen Qualität gewürdigt. Es ist also mehr als ein reines Zeitdokument. Und so verwundert es nicht, dass dieses Tagebuch in 70 Sprachen übersetzt und 2009 von der UNESCO in das Weltdokumenten-Erbe aufgenommen wurde. 

Es ist noch nicht allzu lange her, dass wir gerade hier in Gotha mit dem wiederentdeckten Tagebuch der Eva Schiffmann – einer ehemaligen Schülerin der heutigen Gesamtschule "Herzog Ernst" – eine zweite Perspektive auf diese Zeit erhalten haben. Freilich sind hier die Voraussetzungen etwas anders, die Umstände weniger dramatisch. Dafür zeigt dieser zweite intime Blick eines Mädchentagebuchs auf diese Zeit mehr über den damaligen jüdischen Alltag in Gotha. Ich freue mich, dass der Lehrer der Kooperativen Gesamtschule "Herzog Ernst", Herr Wiegand, dieses Tagebuch gemeinsam mit einer Projektgruppe erschließt und medial bearbeitet. Dieser hervorragende Lehrer hat zusammen mit mehreren Schülergenerationen seiner Herzog-Ernst-Schule sowie mit engagierten Gothaer Bürger*innen das Buch "Spuren Jüdischen Lebens in Gotha" wissenschaftlich erarbeitet und im Jahr 2015 in Buchform herausgebracht. Ich wünschte mir eine Neuauflage, denn das Buch ist vergriffen und auch im bundesweiten Antiquariatsdienst nicht erhältlich. Doch nun erst einmal stellen sich die Jugendlichen und der Lehrer der neuen Aufgabe: dem wiederentdeckten Tagebuch der Eva Schiffmann. 

Doch nicht nur die Geschichte soll thematisiert werden. Das Rahmenprogramm dieser Ausstellung will auch eine Brücke schlagen zwischen jenen historischen Dimensionen, ohne die das Judentum heute nicht mehr gedacht werden kann, hin zum heutigen jüdischen Leben in Deutschland.
Junge Juden kommen uns besuchen und erzählen aus ihrem Leben. Und in Workshops und Gesprächen wird es viel Gelegenheit geben, sich über modernes jüdisches Leben in Deutschland zu informieren. Denn in Zeiten, in denen viel darüber diskutiert wird, ob man jüdische Einrichtungen in Deutschland beschützen muss, wollen wir ein Zeichen setzen. Nicht nur mit dieser Ausstellung und ihrem Rahmenprogramm oder den vielzähligen Veranstaltungen in der kürzlich stattgefundenen jüdischen Woche wollen wir das tun, sondern es soll Bestandteil der Bildungs- und Kulturarbeit der Stadtbibliothek sein. Nur so, wenn es als ganz selbstverständlicher Bestandteil wahrgenommen wird, gelingt es uns, in den Köpfen der Menschen – bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen – etwas zu bewegen. Dafür, für diese Haltung, danke ich den Mitarbeiter*innen der Stadtbibliothek an dieser Stelle ganz herzlich.
Und darüber hinaus müssen wir Demokraten klar und deutlich Nein sagen, wenn Einzelne oder Gruppen Intoleranz und Hetze verbreiten. Und deshalb appelliere ich an dieser Stelle erneut an alle Gothaer Bürgerinnen und Bürger gleich welchen Alters, lassen Sie Intoleranz und Hetze nicht in unserer Stadt zu. Wir Demokraten sind zahlenmäßig mehr. Wir sind viele! 
Wir wollen zeigen, dass das Judentum, ein ganz normaler, selbstverständlicher Bestandteil der Gesellschaft in Deutschland ist. Dafür, sehr geehrte Gäste, setze ich mich als Schirmherrin ein.
In diesem Sinne: "L’Chaim. Zum Wohl. Auf das Leben."

Anmerkungen
1.    1(Hrsg.) Jüdische Landesgemeinde Thüringen: "Gegen das Vergessen. Die Novemberpogrome. Eisenach. Gotha. Schmalkalden. Spuren jüdischen Lebens". Selbstverlag Landesjugendpfarramt der Evangelisch-Lutherischen Kirche Thüringens, 1988. So gefunden auf der Seite: www.jüdische-gemeinden.de - Jüdische Gemeinde - Gotha (Thüringen) (xn--jüdische-gemeinden-22b.de)

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