gotha.de - :: Service :: Aktuell :: Pressemitteilungen

Pressemitteilung - Detailansicht

10.09.2009, Friedensgespräch am 10.09.2009 im Gothaer Kulturhaus

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

mir ist die große Aufgabe übertragen worden, das heutige Gothaer Friedensgespräch zu eröffnen. Das ist schwer, denn bei all den vielen Ehrengästen und einer namentlichen Begrüßung in loser Folge einer Aneinanderreihung von Namen, würde immer wieder ihr Beifall meine Rede unterbrechen und das Gedenken teilen. Deshalb habe ich mich entschlossen, andere Wege zu gehen und unsere Ehrengäste mit kleinen Geschichten in meine Gedenkworte einzubinden.

Liebe Kinder Gadollas, dieser Gruß gilt den Bürgern der Stadt Gotha, insbesondere denen, die seit dem 4. April 1945 das Licht der Welt erblickten,

Werte Freunde Gothas,

dies Wort gilt den Menschen, die nie vergessen, welch kostbarer Schatz diese Stadt ist, die sich überall in der Welt für Gotha engagieren, denn Gotha braucht Menschen wie SIE, die mit Zivilcourage, persönlichem Einsatz und der Einsicht ?Für andere leben, heißt sich selbst zu leben? sich jeden Tag darüber bewusst sind, was der Mensch Josef Ritter von Gadolla für unsere Stadt getan hat.

Vor wenigen Tagen kam eine kleine weißhaarige Frau auf den Ekhofplatz, sprach den Künstler Thomas Lindner an, der gerade dabei war, unser Denkmal für Gadolla zu richten. "Wissen Sie" so ihre Worte "wenn er nicht gewesen wäre, ich weiß gar nicht, ob ich heute noch leben würde?" Diese Dame, Jahrgang 1940, sprach aus, was tausende Gothaerinnen und Gothaer denken und ich weiß, welcher Verlust es für unsere Stadt und die deutsche Literatur wäre, würde Sigrid Damm uns nicht seit Jahren ihre großartigen Romane schenken.

Unser Gedenken am heutigen Tage ist nicht nur auf die heldenhafte Tat Gadollas gerichtet, wir wollen den Bogen der Geschichte von den Anfängen bis zum Ende spannen.

Gadollas Mut und Gadollas Tod hätte es wohl nicht bedurft, hätten nicht Deutsche die Brandfackel geworfen. Es waren Deutsche, es waren auch Gothaer Flieger, die am 1. September 1939 den Überfall auf Polen provozierten und damit den II. Weltkrieg entfachten. Schreckliches Leid brachte das "Tausendjährige Reich" über die Menschen der Welt und deshalb ist es uns umso wichtiger, dass die Freundschaft zu unseren Nachbarn heute, so wie seit mehr als 60 Jahren, ein Garant für die Sicherheit Europas ist. Ihre Anwesenheit sehr geehrter Herr Botschafter Marek Prawda ist für uns mehr als ein Zeichen der Freundschaft, sie ist für uns Ausdruck, dass die Deutschen und die Polen in einem vereinten Europa zusammen gehören. Sie sind ein Aktivist der Solidarnosc-Bewegung und auch dafür gebührt Ihnen unser Dank. Es waren die Menschen in Danzig und allen Teilen Polens, die den erstarrten Kommunismus wach rüttelten, bis er in sich zusammenbrach. Sie sind Kind einer Stadt, der wir Gothaerinnen und Gothaer uns seit 1995 verbunden fühlen - Kielce ist unsere Partnerstadt. Der Stadtpräsident von Kielce Wojciech Lubawski ist heute mit seiner Frau und seiner Delegation bei uns zu Gast.

Bertha von Suttner, die erste Friedensnobelpreisträgerin, die Frau, die Alfred Nobel dazu bewegte, sein Geld aus Waffen für den Frieden einzusetzen, hat ihre letzte Ruhe in Gotha gefunden. Lange nach dem sie ihr Buch "Die Waffen nieder" schrieb, sprach Josef Ritter von Gadolla diesen Satz seiner Landsmännin aus und bewegte die erstarrte Gothaer Stadtführung zur kampflosen Übergabe der Residenzstadt an die amerikanischen Truppen. Österreich, unser Nachbarbundesland schickte uns einen Mann, dessen Mut uns heute noch bewegt, dem wir nicht nur dankbar sind, sondern dessen Erbe wir pflegen. Österreichs Bundespräsident Dr. Heinz Fischer ist ein Grazer, geboren in der Gadolla-Stadt und wir freuen uns, sehr geehrter Herr Gesandter Martin Krüger, dass Sie heute bei uns sind, um das Grußwort des Präsidenten für eine präsidiale Leistung vorzutragen.

Der Stadt Graz fühlen sich die Bürger unserer Stadt aufs Engste verbunden, war Graz doch bereits Kulturhauptstadt und ist damit Gotha um einige Schritte voraus. Doch Graz ist die Stadt von Johannes Kepler, von Nestroy und Rosegger, von Karl-Heinz Böhm und Arnold Schwarzenegger sowie von Nikolaus Harnoncourt und Josef Ritter von Gadolla. Es ist ihre Stadt, sehr geehrter Herr Hofrat Piffl-Percevic, und wir sind dankbar, dass erstmals ein offizieller Vertreter des Stadtrates zu Graz zur Ehrung des tapferen Mitbürgers in Gotha anwesend ist.

1995 bin ich zum ersten Male an der Seite von Oberbürgermeister Volker Doenitz der Nichte Gadollas begegnet. Ihre Worte im Ekhoftheater haben uns wachgerüttelt, haben uns zu Bewusstsein geführt, wie nicht nur die Stadt und ihre Bürger, sondern vor allem die Familie unter dem Tode Gadollas litt. Gotha blieb erhalten, die Familie war zerstört, erst die Rehabilitierung nach über 40 Jahren und die Ehrengabe von Freistaat und Stadt haben einen kleinen Beitrag zum Frieden leisten können. Dass Sie heute bei uns sind, sehr geehrte Frau Dr. Leinich mit ihrem Sohn, zeigt ihre Verbundenheit zu uns. 

Wir brauchen Menschen, Menschen mit Mut, wir brauchen Mutige mit Mut zur Wahrheit, wir brauchen Wahrhaftige, die Verantwortung tragen. Die Mitglieder des Deutschen Bundestages, Frau Hess, Frau Jochimsen und Herr Barth tragen diese Verantwortung genauso wie die Abgeordneten des Thüringer Landtages Frau Becker, Herr Blechschmidt oder Herr Kuschel.

Meine Damen und Herren aus den kleinsten Zellen des Gemeinwesens, aus den Städten und Dörfern Thüringens, ich freue mich, dass sie als Oberbürgermeister, Bürgermeister, Stadt-, Kreis- und Gemeinderäte und die stellvertretenden Landräte heute in Gotha sind.

Unsere Geschichte, insbesondere von 1933 bis 1945 aufzuarbeiten, sie jungen Menschen nicht nur vorzulesen, sondern begreiflich zu machen, das ist eine unserer Haupt- und Hausaufgaben. Wir tragen Verantwortung dafür, dass sich nie wieder braunes Gedankengut über Schlagzeilen und Halbwahrheiten Plätze in den Köpfen und in den Parlamenten erobern darf. Die Schüler der Staatlichen Regelschule "Oststadt Gotha" haben mit dem Landessieg beim Wettbewerb des  Bundespräsidenten bewiesen, dass sie verstanden haben, was Gadolla getan hat.

Helga Raschke hat die Geschichte Gadollas erforscht, die Gothaer Kulturstiftung hat ihr ein Denkmal gesetzt. Es war die GOTHAER, sehr geehrter Herr Aufsichtsratsvorsitzender Dr. Schulz, die 1995 die Initiative ergriff, eine Gothaer Kulturstiftung zu gründen, die seit mehr als zehn Jahren über 500.000 Euro investierte, um Kunst und Kultur zu erhalten, um das Bewusstsein der Bürger für die Geschichte und Zukunft ihrer Heimatstadt Gotha zu stärken.

Den Einschlag einer Bombe in die Margarethenkirche, sehr geehrter Herr Probst Werneburg, die Zerstörung des jüdischen Friedhofes, geschätzter Herr Nossen und auch die Bombardierung des Bahnhofsviertels, sehr geehrter Herr Finanzpräsident Mohr, diese Schreckenstaten konnte ein Einzelner, konnte Gadolla nicht verhindern, doch er gab den Überlebenden Hoffnung und Obdach. 

Er war damals 14 Jahre, so alt wie unser Sohn Romeo heute, Romeo spielt Fußball, drückt den Dudelsack und die Schulbank, Romeo ärgert seine kleine Schwester Natalie und hat schon seine ersten Geheimnisse. Er, den ich meine, er litt unter den Nationalsozialisten, wurde als Mischling eingestuft, durfte sich nicht zu den jüdischen Vorfahren bekennen, er ist heute, der weltweit anerkannte Regisseur und Schauspieler, er ist die Stimme Österreichs und ich bin ihm dankbar, dass er heute bei uns ist - danke Prof. Otto Schenk.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

versetzen wir uns noch einmal zurück, denken wir an den 4. April 1945. Der Gothaer Bahnhof ist zerstört, die Waggonfabrik liegt in Schutt und Asche, die letzten Soldaten richten ihre Geschütze gegen die heran ziehenden amerikanischen Streitkräfte auf. Junge Menschen sind fanatisiert, glauben immer noch an den Endsieg, obwohl Tag und Nacht alliierte Bomber über der Stadt zu sehen sind.

Um 5.15 Uhr wird am Königsbrunnen 16 das Kind Rositta Kühn geboren, sie ist das letzte Kind des Tausendjährigen Reiches in Gotha. Als Daniel Albert Derycke um 18.30 Uhr seinen ersten Schrei ins Freie ruft, ist in der Bergallee 8 schon der Frieden eingekehrt. Beide Kinder überleben, weil sich in den 12 Stunden dazwischen die ganze Welt veränderte.

Zwölf Stunden im April, es waren die zwölf Stunden des Josef Ritter von Gadolla. Die russischen Streitkräfte hatten Polen befreit, standen vor Berlin, die amerikanischen, englischen und französischen Truppen besetzten bereits den Westen Deutschlands, die Amerikaner waren in Eisenach. Es gab keinen Oberbürgermeister, der den Mut besaß, die weiße Fahne flaggen zu lassen, es gab nur ein Stadtoberhaupt, das flüchtete, die Stadt allein ließ.

Gadollas Mut hieß, weiße Flaggen auf allen Gebäuden, Gadollas Tat war der Rückzug der bewaffneten Truppen, Gadollas Courage besagte, entgegen Führerbefehlen zu handeln, Gadollas Denken galt dem Erhalt der Stadt und dem Schutz der ihm anvertrauten Menschen. Er hatte am Ende nichts mehr, nur noch eins, seinen tiefen Glauben. 

Gäbe es heute mehr Gadollas auf dieser Welt, so wäre die Menschheit um vieles wohler bestellt! Gadolla starb, weil Fanatismus und Hörigkeit Menschen zu unmenschlichen Handlungen trieben, Gadolla ging, damit wir begreifen, dass die Saat von Krieg und Gewalt auf dieser Erde keinen Nährboden mehr erhalten darf.

Das Gothaer Friedensgespräch 2009 ist ein Spiegel des 20. Jahrhunderts, halten wir uns immer diesen Spiegel vor die Augen und prüfe jeder selbst, was er tun kann, für den Frieden und das friedliche Miteinander.

"Damit Gotha leben kann, muss ich sterben." so waren Gadollas letzte Worte, ich glaube er würde uns heute sagen "Damit Gotha gedeihen kann, müssen wir handeln" - Ich habe seinen Worten nichts hinzuzufügen, nur die Bitte, folgen wir ganz einfach seiner Aufforderung.

Kontakt:

Stadtverwaltung Gotha
Informationsamt
Telefon: 03621 222-234

Anschrift: Historisches Rathaus
Hauptmarkt 1
Telefax: 03621 222-293
E-Mail: presse@gotha.de