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Pressemitteilung - Detailansicht

27.07.2012, Die Residenzstadt Gotha, die Sammlung Perthes und der Thüringer Landesrechnungshof

In den letzten Wochen ist die Justus-Perthes-Sammlung Gotha in besonderer Weise Gegenstand der öffentlichen Diskussion geworden. Ausgangspunkt dieser Diskussion war der Jahresbericht 2012 des Thüringer Rechnungshofes.

Die Stadt Gotha ist finanziell nicht auf Rosen gebettet - aber die Stadt ist dankbar für ihren kulturellen Schatz, der den Stolz der Bürger ausmacht und auch eine wichtige wirtschaftliche Komponente enthält. Oberbürgermeister Knut Kreuch stellt dazu fest: "Vor diesem Hintergrund berührt jede Diskussion über den Kulturstandort Gotha das Selbstwertgefühl der Menschen und ihre wirtschaftliche Perspektive. Wer diese Diskussion - in welcher Weise auch immer - auslöst oder betreibt, muss das mit dem gebotenen Sachwissen und der notwendigen Sachlichkeit tun. Negative Schlagzeilen schaden nicht einer Partei im Land oder der Kommune, sondern der Stadt Gotha".

Die kulturelle Tradition der Residenzstadt Gotha stützt sich vor allem auf zwei Bereiche - den kunsthistorischen und den wissenschaftsgerschichtlichen Besitz. Die ehemalige Residenz des Hauses Sachsen Coburg und Gotha, Schloss Friedenstein, enthält Sammlungen von nationalem Rang (u. a. befinden sich darunter eine Gemäldesammlung mit Werken von Rubens und Brueghel d. Ä., ein Kupferstich- und ein Münzkabinett, Sammlungen wertvoller Ostasiatika, nicht zuletzt die ägyptische Sammlung sowie die Forschungsbibliothek). Durch die gütliche Einigung des Freistaats Thüringen mit dem Hause Sachsen-Coburg und Gotha ist all dies dauerhaft für den Standort Gotha gesichert worden. Die Einigung aus dem Jahre 2001 war beispielgebend über Thüringen hinaus.

Der zweite Bereich betrifft die Wissenschaftsgeschichte. Gothaer Herzöge hatten bereits im frühen 19. Jahrhundert Expeditionen nach Afrika und Asien finanziert - wissenschaftliche Neugier und Sammlerehrgeiz trieben sie an. Die bemerkenswerten Ergebnisse lassen sich, wie dargestellt, auf Schloss Friedenstein besichtigen.
Eine besondere Rolle spielte der Verlag Justus Perthes in Gotha. Er ist zunächst bekannt für seinen Adelsalmanach. Das war damals das offizielle Verzeichnis des europäischen Adels mit hoher Bedeutung nicht nur für die Gesellschaft, sondern auch für die Politik. Ebenso gab es eine Verbindung zwischen Perthes und den herzoglichen Ambitionen: Der Verlag war an den geographischen Expeditionen beteiligt, die von Gotha ausgingen und das Ziel hatten, "weiße Flecken" auf der Weltkarte zu erforschen. So entstanden im Laufe des 19. Jahrhunderts eine herausragende Kartensammlung und eine große Fachbibliothek. Für die Kartographie, die Wissenschaftsgeschichte und übrigens auch die politische Geschichte, hat die Sammlung Perthes eine weit über Thüringen hinaus strahlende Bedeutung.

Auf Veranlassung des Beauftragten der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und der Medien erstellte Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Paul Raabe im Jahre 2001 für die neuen Länder ein "Blaubuch kulturelle Leuchttürme". Prof. Raabe stellte fest, die Sammlung Perthes (Karten, Seekarten, Schulwandkarten, Atlanten) sei "nach Umfang und Qualität vergleichbar der Geography and Map Division der Library of Congress (Washington), den Kartenabteilungen der British Library (London) und der Bibliotheque Nationale (Paris)". Sie dokumentiere „die Entstehung der modernen geographischen Wissenschaft“. In gleicher Weise qualifizierte Prof. Raabe die Bibliothek und das Archiv des Perthes-Verlages. Den materiellen Wert bezifferte Prof. Raabe 2001 auf 18 Millionen D-Mark, etwa 9,2 Millionen Euro. Die Schätzung bezog sich auf die Sammlung in ihrem damaligen Erhaltungszustand.

Oberbürgermeister Knut Kreuch hat den Sachverhalt Perthes - im Gegensatz zu anderen - sorgfältig recherchiert und aus gegebenem Anlass noch einmal nachrecherchiert. Im Ergebnis stellt er fest:

"Im Frühsommer 2002 wandte sich die Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder, Frau Prof. von Welck, in einem dringenden Telefonat an den Amtschef des Thüringer Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Staatssekretär Dr. Jürgen Aretz, der im Auftrag der Landesregierung bereits die schwierigen Restitutionsverhandlungen mit den Thüringer Adelsfamilien führte. Frau Prof. von Welck erklärte Dr. Aretz, der Verkauf der Sammlung Perthes ins Ausland stünde unmittelbar bevor; es sei Gefahr im Verzuge. Den Eigentümern lägen konkrete Angebote vor, die wohl dem Wert der Blaubuch-Schätzung entsprächen oder darüber lägen. In der Tat hatte, wie später bekannt wurde, das britische Auktionshaus Christie’s Interesse angemeldet. Christie’s hatte für die Versteigerung ein (Brutto-)Limit angesetzt, das die Raabe-Schätzung deutlich überstiegen hätte und prognostizierte: ‚The resulting sale will be one of the most exciting travel auxtions of the last fifty years.’ Für die Thüringer Landesregierung nahm Dr. Aretz unverzüglich Verhandlungen mit Herrn Stephan Perthes auf, der die Angaben von Frau Prof. von Welck bestätigte. Diese Verhandlungen sind noch im Jahre 2002 zum Abschluss gekommen. Der u. a. vom Thüringer Finanzministerium geprüfte Vertrag sah vor, dass alle Karten (je nach Berechnung zwischen 185 000 und, so Prof. Raabe, 245 000 Einzelstücke), 1000 historische Schulwandkarten und 2200 Atlanten sowie die größte geographische Spezialbibliothek in Deutschland mit 120 000 Bänden sowie das Archiv des Perthes-Verlages erworben wurden. Als Preis wurden 6,4 Millionen Euro vereinbart. Das war mehr als ein Drittel weniger als die Schätzung von Prof. Raabe und noch viel weniger als die Schätzung von Christie’s."

Der Freistaat Thüringen hat den Kaufpreis von 6,4 Millionen Euro nicht tatsächlich aufbringen müssen. Vielmehr hat das Thüringer Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Gesprächen mit der Kulturstiftung der Länder von dort eine Zuwendung in Höhe von 1,5 Millionen Euro erreicht. Eine hohe sechsstellige Summe hat Staatssekretär Dr. Aretz über private Kontakte von einer Stiftung eingeworben, die nicht in Thüringen beheimatet ist und weiterhin nicht öffentlich genannt werden möchte. Tatsächlich lag die finanzielle Belastung für den Freistaat bei etwas über 4 Millionen Euro. Zum Zeitpunkt des Erwerbs war den Beteiligten klar, dass eine restauratorische Behandlung der erworbenen historischen Bestände vordringlich sei. Weiterhin sollte u. a. in Zusammenarbeit mit der Universität Erfurt ein Konzept entwickelt werden, das die wissenschaftliche Nutzung zum Ziel hatte. Für den musealen Bereich war die Zuständigkeit einer noch zu gründenden - und inzwischen gegründeten - Stiftung Schloss Friedenstein vorgesehen.

Der Rechnungshof rügt in seinem Bericht im Wesentlichen vier Punkte:
a) Der Kaufpreis sei überhöht gewesen.
b) Dem Vertragsabschluss sei keine Begutachtung bzw. Wertermittlung vorangegangen.
c) Der Kaufvertrag enthalte keine Gewährleistungsbestimmungen.
d) Das angekaufte Kulturgut sei noch nicht zugänglich.

Dazu stellt Oberbürgermeister Knut Kreuch fest: "Wenn herausragende Fachleute wie Prof. Raabe und Spezialisten wie das Auktionshaus Christie’s zu Bewertungen von mehr als 9 Millionen Euro kommen, ist das nach langwierigen Verhandlungen - und auch durch das Entgegenkommen des bisherigen Eigentümers - erzielte Ergebnis von 6,4 Millionen Euro nicht nur angemessen, sondern nachgerade sensationell günstig. Die Erwerber hätten das ausdrückliche Lob des Rechnungshofes verdient gehabt und nicht einen unqualifizierten Tadel. Eine Begutachtung ist, wie dargelegt, durch die absolut unabhängige Bewertung von Prof. Raabe erfolgt, die faktisch von Christie’s (in Unkenntnis dieser Bewertung) bestätigt wurde. Auch qualifizierte Mitarbeiter des Ministeriums mit einschlägigen Erfahrungen hatten sich der Sache angenommen. Ein förmliches Fremdgutachten war vor diesem Hintergrund entbehrlich. Es hätte erhebliche Kosten verursacht, was der Rechnungshof ignoriert, und die Verhandlungen über den Erwerb möglicherweise so verzögert, dass die Veräußerung in das Ausland nicht mehr abzuwenden gewesen wäre. Das wäre angesichts der Bedeutung der Sammlung, die, wie Prof. Raabe überzeugend dargelegt hatte, Weltrang hat, völlig unverantwortlich gewesen.

Im Übrigen hat der Freistaat für Gotha eine Sammlung erworben, die in Teilen bis zu rund 200 Jahre alt ist. Entsprechend war ihr - allen Beteiligten bekannter - Erhaltungszustand. Die Notwendigkeit der Restaurierung war offensichtlich und bekannt. Die mit dem Vorgang befassten Mitarbeiter des Rechnungshofes sind wohl mit dem Bereich Kunst, Antiquitäten und musealen Gegenständen unerfahren. Sonst wüssten sie, dass solche Objekte - die zweifelsfreie Echtheit vorausgesetzt - nicht nach den Regeln erworben werden, die für den Kauf eines Gebrauchtwagens gelten: Hier sichert man sich vernünftigerweise im Kaufvertrag gegen verborgene Mängel ab. Die Echtheit der Sammlung stand indes außer Frage.

Der Rechnungshof beklagt, dass die Sammlung noch nicht zugänglich sei. Auch hier hätte ich mir etwas mehr Nachdenken und weniger vorschnelles Urteilen gewünscht. Es ging, wie der Rechnungshof selbst feststellt, um die Reinigung von 185 000 Karten. Dafür mussten neue Techniken und Verfahren entwickelt werden – mit dem Projekt betrat man wissenschaftliches Neuland. Auch dieser Bereich ist von dritter Seite finanziert worden. Dass die Sammlung durch Stipendiaten aus aller Welt genutzt wird, wäre durch ein Gespräch mit den Mitarbeitern der Universitäts- und Forschungsbibliothek leicht klärbar gewesen."

Der Erwerb von Immobilien, der für die Stadt Gotha einen ungeheuren Kraftakt bedeutete, und die Planungen für den Um- und Neubau zur Unterbringung der Sammlung Perthes, sind ein weiterer Zeitfaktor. Vor allem aber sind sie eine Vorbedingung für den künftigen sachgerechten Umgang mit der Sammlung in wissenschaftlicher und musealer Hinsicht. Auf diesen in mehrfacher Hinsicht aufwendigen Komplex geht der Rechnungshof-Bericht nicht ein.

Das Fazit des Gothaer Oberbürgermeisters lautet: "Den Äußerungen des Rechnungshofes über die Sammlung Perthes mangelt es aus meiner Sicht an der gebotenen Sachkenntnis und der notwendigen unvoreingenommenen Sachlichkeit. Das wird bereits deutlich durch die tendenziöse Überschrift des Berichtes: ‚Teures Weihnachtsgeschenk. 6,4 Millionen für unbrauchbare historische Sammlung’. Nein, meine Damen und Herren vom Rechnungshof: Die Sammlung war im Verhältnis zu ihrem Wert nicht teuer, sie war auch kein Weihnachtsgeschenk. Viele Menschen in der Stadt Gotha, der Universität Erfurt, eine große Stiftung und darüber hinaus viele Freunde Gothas haben sich für sie engagiert. Wer sie für unbrauchbar erklärt, disqualifiziert sich selbst. Wir sind dankbar, dass die Sammlung Perthes dauerhaft für Gotha, für Thüringen und Deutschland gerettet wurde. Wir sind dankbar, dass wir sie in unserer Stadt haben und sie in absehbarer Zeit in vielfältiger Weise nutzen können. Die Stadt Gotha bekennt sich ausdrücklich zu diesem wichtigen Teil ihrer kulturellen Identität.
Vom Thüringer Rechnungshof erhoffe ich mir die Einsicht und die Größe, diesen Teil des Jahresberichts 2012 schlicht zurückzuziehen - je eher, desto besser."

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