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04.07.2008, 175. Todestag von Alexander Friedrich Karl Herzog von Württemberg

Sehr geehrte Damen und Herren,  

wenn sich eine so große Zahl von Menschen mitten in Thüringen versammelt, so müsste man annehmen, hier steht ein Thüringer im Mittelpunkt. Es ist kein Thüringer der uns gerufen hat, es ist ein Europäer, der schon vor zwei Jahrhunderten zwischen Russland und Deutschland Brücken schlug und dessen Leben uns die Möglichkeit gibt, uns mitten in Deutschland, in der alten Haupt- und Residenzstadt Gotha zu versammeln. Wir denken heute an Alexander Friedrich Karl Herzog von Württemberg, der am 4. Juli 1833 um 7 Uhr im Prinzenpalais zu Gotha verstorben ist.  

Sie werden sich jetzt fragen, was macht ein Württemberger, den wir im Süden unseres Vaterlandes einordnen würden, mitten in Thüringen. Gern möchte ich Ihnen diese Frage beantworten. Als ich vor zwei Jahren Verantwortung in Gotha übernahm, war mir die große Geschichte der Stadt und ihres Herrscherhauses durchaus bewusst, dass jedoch der Stammvater der württembergischen Königshauses seine letzte Ruhe in Gotha fand, dass musste auch ich erst in diesem Jahr lernen. Ein mir aus meiner Zeit als Gothaer Pressechef gut bekannter Coburger, der mit seiner Frau gewaltige Verdienste um die Coburg-Gothaer Geschichtsforschung besitzt, gab mir einen kleinen Anstoß. Und so sage ich Herrn Dr. Bachmann und seiner Frau herzlichen Dank.   Hier in der Schlosskirche zu Gotha wurde am 20. Oktober 1643 der Grundstein zum Schloss Friedenstein gelegt, schon damals bat Herzog Ernst von Sachsen-Gotha Musiker der Hofkapelle darum, seinen Einweihungsakt zu umrahmen. Wir haben es ihm nach getan und ebenso Musiker gebeten, denn Gotha besitzt, eine der ältesten Musiktraditionen in Deutschland, mit einem der ältesten Orchester. Mit dieser Grundsteinlegung entstand in Gotha weltweit der erste Schlossbau der im 30jährigen Krieg begonnen worden ist. Friedenstein ist heute noch der barocke Kosmos, wie ihn Herzog Ernst der Fromme formte und auch in diesem Aspekt ist unser Schloss einmalig. Unter dem Altarraum liegt die Gruft der Herzoglichen Familie. Obwohl vom Erbauer selbst geschaffen, ließ er sich nicht hier, sondern in der Mitte der Stadt, in der Margarethenkirche einsenken, die Gruft blieb für seine Kinder und Enkel.  

Herzog Ernst der I. von Sachsen-Gotha formte ein mustergültiges Staatsgebilde, dass sich durch großen Reformeifer auszeichnete. Er investierte in die Bildung seiner Landeskinder, denn er wusste, dass er nur so, einen großen Vorteil gegenüber seinen Nachbarn erwerben kann. Wie schlau er doch war! Er schuf eine solide finanzielle Basis für sein Staatsgefüge und legte den Grundstein zu einer wissenschaftlichen Forschungsstätte von internationalem Rang. Damit gab er seinen Kindern die Chance eine der bedeutendsten Bibliotheken, eine Kunstkammer von Weltrang, das erste feste Theater Deutschlands und ein Archiv aufzubauen, die noch heute unverändert in Gotha erhalten geblieben sind. Während sich Weimar zur Residenz der Klassik entwickeln durfte, blühte Gotha auf als Zentrum der Naturwissenschaften. Bedeutende Astronomen, Geologen und Botaniker prägten das Profil unserer Stadt.  

Anfang des 19. Jahrhundert  zeichnete sich ab, dass im Herzogtum Gotha, dass gemeinsam mit dem Landesteil Altenburg das größte Herzogtum Thüringens war, die Erbfolge ungeklärt blieb, weil kein männlicher Thronerbe vorhanden war. Obwohl im verwandten England oder Russland schon lange auch eine Frau die Regierungsgeschäfte übernehmen konnte, war dies in Gotha  nicht möglich.  Luise die schöne Tochter des Gothaer Hofes, von ihrem kunstsinnigen Vater Herzog August abgöttisch geliebt, heiratete Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg-Saalfeld, der durch diese Hochzeit 1826 das schöne Gothaer Land erbte. Er war nicht glücklich in seiner Ehe und das, was damals unglaubhaft erschien, geschah. Das Ehepaar ließ sich scheiden. Herzogin Luise ging ins Saarland. Ihre Söhne Ernst und Albert sollten, als Regent in Gotha und als Gemahl der englischen Queen Victoria später ein ganzes Zeitalter bestimmen.   Gotha war im Jahre 1832 eine stattliche Residenz, nach Erfurt die zweitgrößte Stadt Thüringens und verfügte über beträchtliche Vermögen und Einkünfte. Die Stadt wandelte sich von der Ackerbürgerstadt zum Zentrum des Bildungsbürgertums. Der von Ernst Wilhelm Arnoldi gegründeten ersten deutschen Feuerversicherung folgte schon bald die erste deutsche Lebensversicherung. Die Gothaer Fleischer begannen mit der Logistik zum Versand ihrer Wurstwaren in alle Welt, der Verlag Justus Perthes eroberte sich als führender Verlag für Atlanten und Karten die neue Welt- Der Buchhändler Friedrich Perthes und viele erfolgreiche Mitstreiter in Gotha machten die Stadt zum Zentrum des Buchhandels. Nicht zu vergessen ist an dieser Stelle der ?GOTHA?, jenes legendäre Buch, das man heute als das ?Who is Who? der  feinen Gesellschaft bezeichnet.  

Herzog Ernst I. von Sachsen-Coburg und Gotha heirate wieder. Ausgesucht hatte man für ihn seine Nichte Marie, Herzogin von Württemberg, die Tochter von Herzog Alexander von Württemberg. Am 23.Dezember 1832 heiratet Marie den Gothaer Herzog. Zu den prächtigen Hochzeitsfeierlichkeiten in Gotha kommt auch ihr Vater Herzog Alexander. Kurz nach den Hochzeitsfeierlichkeiten erkrankt der Herzog und kann Gotha nicht mehr verlassen. Er wohnt im Prinzenpalais, gleich oberhalb der Friedrichstraße, direkt am Park. Hier stirbt er am 4. Juli 1833, um 7 Uhr in der Frühe und wird am Dienstag, den 9. Juli vier Uhr morgens beigesetzt.  

Seine Tochter und sein Schwiegersohn entscheiden, dass er seine letzte Ruhe in der Gothaer Fürstengruft unter Schloss Friedenstein finden soll. Die Württemberger ruhen in Gotha in einem eigenen Gruftraum. Erst geht man an den Gothaer Herzögen vorbei, die hier, in der Margarethenkirche, auf der Insel im Parkteich und natürlich in Coburg ruhen, um den Raum der Herzöge von Württemberg zu erreichen. Neben Herzog Alexander ruhen hier seine Gattin Antoinette von Sachsen-Coburg-Saalfeld sowie der zweijährige Sohn Paul und der fünfjährige Sohn Friedrich. Die früher auf Schloss Grünhof in Kurland beigesetzten Särge sind 1851 nach Gotha überführt worden.  

Wer war dieser ?Herzog Alexander?, wie ihn alle Welt nannte, wer war diese außergewöhnliche Persönlichkeit, zu dessen Ehren wir uns heute hier versammeln.  Der offizielle Titel:  Seine Königliche Hoheit Alexander Herzog von Württemberg General en Chef des Kaisers aller Reußen, Generaldirektor der Land- und Wasserkommissionen des Reiches, Mitglied des Ministeriums und des Kaiserlichen Staatsrates, Inhaber eines Regimentes, welches seinen Namen führt, Erbherr zu Grünhof, Mitglied der Russischen Militärakademie und der Akademie der Künste und Wissenschaften zu St. Petersburg. Träger aller höchster Auszeichnungen und Orden.  

Herzog Alexander wurde am 24. April 1771 in Mömpelgard, dem heute französischen Montbéliard geboren, die Stadt gehörte über 400 Jahre zum Herzogtum Württemberg. Er war der Bruder des württembergischen Königs Friedrich I und der russischen Zarin Maria Fjodorowna. Er war der Onkel der russischen Zaren Alexander I. und Nikolaus I., damit auch der Fürstin Maria Pawlowna in Weimar.  

Da er nicht für die Regierungsgeschäfte vorgesehen war, begab er sich in den Dienst der österreichischen Armee und fiel 1799 dem russischen General Suwurow auf, der seine Beförderung in der russischen Armee durchsetzte. Hier begann er eine steile Karriere, die ihren Höhepunkt in seinem Einsatz in der Schlacht von Smolensk und Borodino gegen Napoleon erlebte. Kein Geringerer als Lew Tolstoi hat in seinem Roman ?Krieg und Frieden? dieser Schlacht ein Denkmal gesetzt. Bereits 1811 als Gouverneur in Weißrussland eingesetzt, schaffte er als Oberbefehlshaber der russischen Armee in der Belagerung von Danzig die Kapitulation der Franzosen. Für diese Befreiungstat erhielt er vom russischen Zaren das Georgskreuz 2.Klasse, eine sehr selten verliehene Auszeichnung, die von einer besonderen Wertschätzung der russischen Herrscherfamilie zeugte.  

Herzog Alexander war nicht nur ein Militär, er war auch ein vorbildlicher Staatsmann. Als Gouverneur von Weißrussland organisierte er das Staatswesen neu und widmete sich dem Straßenbau, leitete das russische Verkehrsministerium. Als hoher Staatsmann in Russland schuf er erstmalig Verbindungen der verschiedenen Wassersysteme. Ein ausgeklügeltes Wasserstraßensystem, von ihm entwickelt, verband ab sofort Wolga und Dwina, es wurde sogar zeitweise nach ihm als ?Herzog Alexander von Württemberg Kanalsystem benannt. Wie der Vater, gingen auch zwei seiner Söhne in russische Dienste wo sie bis 1868 bzw. 1881 dienten.  

Als im Jahre 1880 der Sohn von König Wilhelm II. von Württemberg verstarb, ging die männliche Erbfolge auf die Linie von Herzog Alexander zurück. Seit dieser Zeit ruht der Stammvater der heutigen Linie des Herzogshauses von Württemberg in Gotha.  Besonders die Beziehungen Gothas zu Russland werden an der Person von Herzog Alexander deutlich. Auch die Frau des Prinzen Alfred, dem wir zur Zeit eine große Sonderausstellung widmen, war die Tochter eines russischen Zaren. Alfred ist der Sohn von Queen Victoria und Prinzgemahl Albert.  

Im Jahre 1945 gingen Gothaer Kunstschätze als Beutegut nach Russland, zehn Jahre später kamen große Teile der Sammlungen wieder nach Gotha zurück. Im Herbst dieses Jahres wollen wir mit einer Ausstellung an diese kriegsbedingte Verlagerung und Heimkehr der Gothaer Kunstschätze erinnern. Ich will dabei erklären, dass wir dem russischen Volk für diese Geste der Rückkehr unserer Kunstschätze sehr dankbar sind, denn es waren deutsche, die dem russischen Volk verheerende Wunden zufügten, weil ein Mann nicht aus der Geschichte lernen konnte. Das, was Napoleon damals nicht schaffte, sollte einhundertdreißig Jahre später auch keinem anderen gelingen. Männer wie Herzog Alexander haben mit mutigen Taten dem Volk die Freiheit verschafft, auch mit militärischer Gewalt. Er hat in dem Haus seine letzte Ruhe gefunden, dass den verpflichtenden Namen ?Friedenstein? trägt. Hier in Gotha setzen wir Stein auf Stein für den Frieden, wir wissen ?Friede ernähret und Unfriede verzehret?. Das gedenken an Herzog Alexander zeigt uns erneut auf, dass die Leistungen von Menschen in ihrer zeit, stets auch Wirkungen auf die Zeit von heute haben.      

Königliche Hoheit,  

Gotha, das Gothaer Land und das Württembergische Land haben vieles gemeinsam. Da ist zum einen die Landschaft, die von den reichen Ackerböden bis zu den schneebedeckten Gipfeln reicht. Das sind die mit Burgen und Schlössern bekrönten Hügel, die malerischen alten Städte und die dörflichen Winkel. Jedes Schloss beherbergt Geschichte, aller Orten erklingt Musik, spielt man Theater. Doch auch wirtschaftlich passen wir zusammen, denn der Fahrzeugbau ist im Württembergischen genauso der Motor der Entwicklung, wie hier in Gotha. Obwohl als Stadt des Flugzeugbaus bekannt, heben Gothaer nicht ab, sie stehen wie die Württemberger mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen. Es gibt noch eine wichtige Gemeinsamkeit. Es war im Jahre 1991 ein Gothaer, der einen Württemberger holte, um ihm beim Aufbau Thüringens zu erinnern. Josef Duchac der Thüringer Ministerpräsident, holte in jenen Jahr Lothar Späth nach Jena, leider nicht nach Gotha und gab ihm freie Hand, um den wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Leuchtturm Jena zu gestalten.   Thüringen und Württemberg haben vieles gemeinsam, die geschichtlichen Verbindungen, aber auch die Chance, dass in Thüringen, die Zahl der Menschen, die keine Arbeit haben, möglichst bald so niedrig sein möge wie in BaWü, etwa 3,9%.  

Gotha bewahrt das Erbe des Stammvaters der Württemberger, jener Linie, die heute als die katholische Linie des Herzogshauses von Württemberg gilt. Die fürstliche Gruft in den nächsten Jahren würdig zu gestalten, ist dabei eine unserer Aufgaben.  

Zur Entwicklung der Stiftung Schloss Friedenstein zu Gotha gehört es, die Vielfalt des Wirkens einzelner Persönlichkeiten zu einem Gesamtkunstwerk zusammen zu fügen, um dem Namen GOTHA, als Residenz der Künste, des Wissens und der Aufklärung in Deutschland einen neuen Stellenwert einzuräumen.   Ich danke Ihnen, dass Sie uns auf diesem Wege helfen.  

 - Es gilt das gesprochene Wort -  

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