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Rebekka Knoll: Alle Kolumnen

19.10.2013, Schönheit des Verfalls - Stadtschreiberin Rebekka Knoll entdeckt die alte Kaserne

Es gibt sogar noch Straßenschilder, obwohl auf diese Pfade
kein Auto mehr passt. Nur abenteuerlustige Fußgänger bahnen sich ihren Weg
durch die vergessene Welt Gothas und wundern sich, wenn sie plötzlich vor einem
„Vorfahrt achten“-Schild stehen. Natürlich hat der andere Teil der Stadt
Vorfahrt: Die befahrenen Straßen, die bewohnten Häuser. Es ist der belebte, der
unvergessene Teil.

Der Teil, durch den wir vergangene Woche liefen, achtet
diese Vorfahrt seit vielen Jahren – wenn auch unfreiwillig. Denn in dieser
Parallelwelt gibt es außer uns keine Menschen, keine Autos, kein Leben. Die
Natur holt ihn sich langsam zurück.

Die verfallenden Gebäude scheinen viele Geschichten zu
erzählen. 1930 erbaut erinnert die ehemalige russische Kaserne nicht nur an die
bewegte Vergangenheit Gothas, sondern auch an die des ganzen Landes.

Die Gebäude sind einst für die Wehrmacht erbaut worden, nach
1945 zogen die amerikanischen Truppen und später die Sowjets ein.

Seit Jahren stehen sie nun leer und erzeugen eine traurige
und zugleich faszinierende Stimmung. Wir bahnten uns einen Weg durch die
wuchernden Pflanzen und plötzlich standen wir vor einem alten Badeteich. Sogar
die Treppe, das Geländer sind noch erhalten. Wenn es nicht schon zu kalt
gewesen wäre, wäre ich hineingestiegen. Dabei hat hier wohl schon seit
Jahrzehnten niemand mehr gebadet.

Nur wenige Meter entfernt werden neue Häuser gebaut. Der
Plan von Investoren, die Gebäude über Arbeitsamt und Hotel hinaus zu nutzen,
ist längst gescheitert. Statt das Alte wiederaufzubauen, verfällt es und wird
zu einem spannenden und leider auch gefährlichen Spielplatz für die Kinder der
neu erbauten Nachbarschaft.

In Gothas Innenstadt gibt es einen Uhrenladen, der im
Schaufenster verspricht: „Wir bringen auch Ihr bestes Stück wieder in Schwung.“
Immer wieder muss ich schmunzeln, wenn ich vorbei laufe, ein wunderschönes
Versprechen. Schade, dass es niemand für die vergessene Welt Gothas geben kann.

So oft wünsche ich mir, es würde nicht immer alles neu
gebaut, statt restauriert oder aktualisiert. Das Gothaer Kino zum Beispiel –
ein Kinoriese, wie er in allen Städten steht und bald auch in Gotha gebaut
werden soll, wird bestimmt nicht mit dem Charme von Capitol und Kik mithalten
können.

Oder, ganz anders, die Beelitzer Heilstätten bei Berlin. Der
ehemaligen Tuberkuloseklinik geht es ähnlich wie der russischen Kaserne in
Gotha: Nur wenige Häuser haben Investoren gefunden. Der Rest verfällt, wird von
Randalierern weiter zerstört, fasziniert und gruselt seine Besucher. Verfall
kann schön sein, doch diese Schönheit hält nicht lange an. Schon als ich da
war, waren die alten Operationslampen, die Besucher noch vor wenigen Jahren
bewundern konnten, geklaut worden oder verschwunden.

Natürlich kann man nicht alles anhalten. Manchmal ist gerade
schön, was nicht andauert. Ein Theaterstück zum Beispiel. Live-Musik. Oder der
Herbst. Eigentlich hält ja nichts an. Doch ist es nicht immer leicht, das zu
akzeptieren.



 

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