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Rebekka Knoll: Alle Kolumnen

27.04.2013, Gothas Geheimnisse

Hinter Buchdeckeln und Stadtmauern

Ein Geheimnis wirkt rätselhaft, vielleicht sogar unheimlich oder beängstigend. Aber vor allem zieht es uns an, denn sobald etwas Geheimnis genannt wird, steht es im Raum. Nur verdeckt und verpackt. Es kribbelt uns in den Fingern, die Verpackung herunterzureißen. Jedes Geheimnis verlangt danach, gelüftet zu werden.

Wahrscheinlich war genau das der Grund für viele, die Veranstaltung "Geheimsache Buch" des Freundeskreises der Bibliothek zu besuchen. Was hier präsentiert werden sollte, war noch streng geheim. Nur ein enger Kreis wusste, welche Bücher vorgestellt werden sollten: Diejenige, die das Geheimnis flüsternd erzählt hatte, also Frau Wilk, und diejenige - in einem prominenten Fall sogar derjenige - die (oder der) es bis zum heutigen Abend geheim gehalten hatte. Erst im Laufe des Abends wurden die Geheimnisse gelüftet und verwandelten sich zu unterhaltsamen, lustigen und spannenden Geschichten.

Und genau das ist es doch, was wir uns von einem Geheimnis erwarten. Wir wollen es lüften, um nicht nur eine Verpackung zu sehen, sondern eine unterhaltsame, lustige oder spannende Geschichte zu erleben. Insofern ist vielleicht jedes Buch erstmal ein Geheimnis: Es hat einen Umschlag, oder zumindest ein Cover, und dass wir a book nicht by a cover beurteilen, ist ja schließlich bekannt. Wir wollen tiefer sehen und immer wieder neue Geheimnisse entdecken.

Das gleiche Gefühl überfällt mich wieder, als Frau Wilk in der Pause noch ein Geheimnis lüftet. Alle Geheimnistuer und Literaturliebhaber drängen sich um das große, seltsam geformte Etwas in der Mitte des Foyers. Als die Hüllen fallen, sehen wir ein Regal voller Büchergeschenke. Wer mag, kann sich eines mit nach Hause nehmen - er weiß nur nicht, welches. Ich mag, natürlich. Ich liebe Geheimnisse.

Als ich durch die dunkle Altstadt auf meinem Fahrrad nach Hause fahre, liegt mein Geheimnis verpackt in meiner Handtasche. Ist es das einzige, das ich in nächster Zeit lüften werde?
Angekommen in einer neuen Stadt hat man schließlich selbst noch lauter Geheimnisse. So wie die Stadt. Beide müssen sich erst kennenlernen. Und die Geheimnisse von Gotha reizen mich besonders. Die Stimmungen, die Menschen, die Häuser. Vor allem über das alte Internat muss ich immer wieder nachdenken. Graubraun und etwas traurig steht es am Schlossberg. Hier hat lange niemand mehr gewohnt, die Fenster sind vergittert, die Türen verschlossen. Welche Geheimnisse hüten sie? Kann man sie irgendwie aus dem alten Putz hervorlocken?

Ein Geheimnis konnte ich zumindest noch in der gleichen Nacht lüften: Meine "Geheimsache Buch". Bei allen Teilnehmern der Lesung hatte ich das Gefühl, Frau Wilk hatte das Buch sorgsam auf den Leser abgestimmt. Würde es bei mir genauso gut passen?
Ich packte es aus und fand: "Wenn du geredet hättest, Desdemona. Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen."
Vielen Dank an die Bibliothek, ich habe mich wirklich gefreut!

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