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Rebekka Knoll: Alle Kolumnen

04.05.2013, Erinnerung, du aales Reff

Begegnungen mit der Schulzeit

So lange ist es bei mir ja noch nicht her, die Schule. Eigentlich. Das hat mir zumindest eine unglaublich sympathische Schülerin des Gustav-Freytag-Gymnasiums bestätigt.
Kurz bevor ich mich mit der Deutschlehrerin für unser gemeinsames Projekt treffen wollte, stieg ich etwas verloren aus dem Bus. Daran, wo die Schule war, konnte ich mich nicht mehr erinnern. Also bat ich eine Schülerin um Hilfe. Sie brachte mich nicht nur bis zum Haupteingang, sie fragte mich auch, ob ich ebenfalls auf die Schule ginge. Unglaublich sympathisch.

Während ich den Eingang passierte, stellte ich mir vor, hier würde ich noch immer hingehören. Gleich hätte ich Chemie und darauf absolut keine Lust. Schwer fiel mir diese Vorstellung nicht, schließlich ist meine Mittelstufenschule ein ähnlich schicker Bau gewesen.
Außerdem sind fünf Jahre doch nichts! Ok, fünfeinhalb. Ja, ja, ich gebe es zu. Fast sechs Jahre.

Dass sechs Jahre sehr wohl was sind, musste ich dann wenige Tage später erfahren. Dank der Deutschlehrerin aus meiner eigenen Schulzeit hatten zwei 13. Klassen meinen Roman behandelt und eine Klausur darüber geschrieben. Um mit den Schülern zu diskutieren, fuhr ich nach Kassel in meine alte Schule.

Ein seltsames Gefühl. Anfangs, als wäre man nie weg gewesen. Nur die Gesichter der Schüler hatten sich verändert. Doch das Haus stand noch. Es gab die gleichen Treppenstufen, die gleiche Cafeteria, die gleichen Vitrinen an den Wänden. Hier kenn ich mich aus, habe ich gedacht - doch dann wollte ich vor der Stunde noch schnell auf die Toilette.
Die erste Tür, auf die ich zusteuerte, war mit einem Strichmännchen behangen. Es trug keinen Rock. Wie kam ich denn darauf? In den anderen Stockwerken fand ich nur Klassenzimmer. Irgendwo hatte es doch auch eine Frauentoilette gegeben!

Dass mein Erinnerungsvermögen nicht das beste ist, hab ich ja schon immer gewusst, aber dass ich mich nicht mehr an die Klos in meiner Schule erinnern konnte, schockierte mich dann doch. Kurz darauf begegnete mir ein Lehrer und ich war mir sicher: Ich kannte ihn. Er ist wohl mal mein Lehrer gewesen. Mindestens drei Jahre lang. Doch wie hieß er? Was hatte er unterrichtet?

Meine Deutschlehrerin versuchte mich zu beruhigen. Chemie. Klar, dass ich das verdrängt hatte. Außerdem würde das Studium die Schulzeit erstmal überdecken. Die neuen Menschen, die neuen Städte, die neuen Erlebnisse. Bald würden die Erinnerungen wieder zurückkehren. Und vielleicht hat sie recht. Irgendwie ist es ja auch schön, wenn die aktuelle Stadt so vorherrscht. Man kann ihr Platz machen und den ganzen Kopf frei räumen. Jetzt also: Gotha.

Hier kann ich auf den Bürgerturm steigen und leicht die ganze Stadt überblicken. Ich kann mich selbst "komischer Kunde" nennen, meine Augen "verleiern" und meine verblasste Erinnerung als "aales Reff" beschimpfen, wie es so schön im goth’schen Schimpfwörterbuch heißt.
So etwas habe ich vorher noch nie getan. Und wenn doch, dann muss ich es inzwischen vergessen haben.

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