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Rebekka Knoll: Alle Kolumnen

20.04.2013, Das Leben in Umzugskisten

Was eine Stadtschreiberin in Gotha nicht braucht

Wenn das ganze Leben in sechs Kartons passen soll, muss man sich entscheiden: Behalte ich meine Unisachen oder lieber Espressokocher und Wasserpfeife? Ich habe mich für die schönen und gegen die Unisachen entschieden. Schließlich müsste ich alles schleppen: Die ganzen Ordner, Bücher, Hefte. Dabei kann ich meine Schrift von damals eh nicht mehr lesen. Auch, wenn damals Vorgestern war.
Ich denke an die zwei Treppen hinunter, an die 329 km im Sprinter, an die tausend Treppen rauf zur Laßwitz-Wohnung. Und kippe fünfeinhalb Jahre Studium in den Altpapiercontainer. Warum zur Hölle hab ich überhaupt mitgeschrieben?

Schon im Umzugswagen überlege ich mir, ob ich die Sachen nicht lieber bei Ebay hätte versteigern sollen. Die Leute hätten sich doch sicher darum gerissen: Unvollständiges Gekritzel mit einigen Blümchen und Briefchen zur Medientheorie McLuhans zum Ersten - zum Zweiten - zum Dritten - ich sagte zum Dri- zum Dri- ... ok, lassen wir das. Gut, dass das Zeug im Container gelandet ist.
Ich sehe besser aus dem Fenster.

Der Frühling ist tatsächlich zu uns zurückgekehrt. Ich kann es kaum glauben, doch in Gotha empfängt er mich mit seinem gefährlichen Charme. Ja, ich wollte standhaft bleiben, und ja, nachdem er sich so lange nicht gemeldet hat, dürfte ich mich nicht noch einmal darauf einlassen. Doch das Fleisch ist bekanntlich schwach, ich falle in seine Arme.

Beim Kisten Schleppen hilft er trotzdem nicht, das war ja zu erwarten. Ein Gentleman war der Frühling schließlich noch nie. Doch das schaff ich auch ohne ihn. So schwer sind sie nicht, die Kisten, das ganze Wissen ist ja schließlich raus, leise klappern nur noch Shisha und Espressokocher im Karton.

Gotha ist wunderschön in der Sonne. Schon am Mittag streife ich durch die malerische Altstadt und denke an eine Zeit, in der die Menschen viel seltener umgezogen sind und viel weniger Gepäck hatten, als ich. Trotzdem fühle ich mich befreit in dieser Stadt. Die Uni ist in Neukölln geblieben, gewissermaßen. Hier kann ich ohne Altlasten anfangen. Und auch die Menschen wirken offener. Nicht nur, dass manche Röcke kürzer sind und manche Schuhe höher - vor allem scheinen die Menschen ein wenig herzlicher, leichtfüßiger zu sein, als in Berlin. Ich bin gespannt, ob diese Ahnung sich bestätigt.

An meinem ersten Abend habe ich Sonne getankt und erste Zeilen geschrieben - was braucht man mehr in Gotha?
Doch dann nistet sich eine Frage in meinem Kopf ein. So hinterhältig, dass ich es zuerst nicht bemerke. Sie hakt sich fest, macht es sich gemütlich. Wie hieß noch mal dieses eine Theaterstück, das ich im vierten Semester gelesen habe? Wie hieß noch mal der eine Autor?
Ich rufe meine Freundin an - die hebt doch immer alles auf. Und während es noch tutet, stelle ich schon mal den Espressokocher auf den Herd.

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