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Rebekka Knoll: Alle Kolumnen

06.07.2013, Ausweis dabei? Gothas bisher jüngste Stadtschreiberin über das Altern

In keiner anderen Stadt habe ich mich bisher so jung und zugleich so alt gefühlt, wie in Gotha.
Eigentlich wird hier immer wieder darauf hingewiesen, dass ich die bisher jüngste Stadtschreiberin bin. Bei meiner Abschlusslesung des Bibliothek-Sommerfests fragte mich Herr Kehmeier mit einem Augenzwinkern: "Was entgegnen Sie Leuten, die Sie für das Amt der Stadtschreiberin für zu jung halten?" Und ich entgegnete, mit dem Kurd-Laßwitz-Stipendium sollte auch der Nachwuchs gefördert werden und überhaupt könne Gotha junge Autorinnen immer gut gebrauchen. An kulturellen Angeboten für junge Menschen mangele es nun mal ein wenig in der Residenzstadt.

Dennoch - das Wort "jung" scheint weiterhin über mir zu schweben, wenn ich bei offiziellen Terminen auftauche oder bei einer Lesung das Wort ergreife. Sogar dann noch, wenn ich im Supermarkt eine Flasche Sekt kaufen will. "Ausweis dabei?", fragte mich letztens ein Kassierer, der garantiert noch jünger war als ich. Elegant schummelte er sich um das "Du" oder "Sie" herum. Weniger elegant reagierte er, als er meinen Ausweis dann in den Händen hielt. "Oh. Ich hätte Sie für viel jünger gehalten."
Mmh. Ist das ein Grund zur Freude oder sollte man da besser rot werden? Anscheinend wirke ich viel jünger, als ich bin. Tatsächlich scheine ich schon ziemlich alt zu sein. Auch dann, wenn man meine Gothaer Freunde fragt. Die meisten sind schließlich noch nicht mal 20. Sobald sie mein Alter hören, sperren sie erschrocken die Münder auf.

In Gotha bin ich jung und alt zugleich. Und wahrscheinlich fällt mir das überhaupt nur deswegen auf, weil in Berlin jeder jung ist. Egal, wie grau oder weise er ist - er wird geduzt und er duzt zurück. Mit ihrer Jugend sind die meisten noch immer eng verbunden. Außerdem gibt es hier jede Altersgruppe. Alles ist vertreten, die Grenzen sind fließend.
Anders in Gotha. Viele Schüler verlassen nach dem Abi die Stadt, um fremde Welten kennenzulernen oder in der nächst größeren Stadt zu studieren. Erst später, wenn sie längst dreißig sind, also so alt, dass sie sich ohne Ausweis in den Supermarkt trauen, kehren sie vielleicht zurück.

Die Altersgruppe zwischen 20 und 30 ist in Gotha vergleichsweise klein. Fällt man in diese Spanne, so wie ich, scheint man sie ganz ausfüllen zu müssen. Wir sind hier alles, jung und alt, naiv und verantwortungsbewusst, unerfahren und professionell, frisch und reif zugleich. Wir werden geduzt, dürfen aber schon Sekt trinken, wir haben immer unsere Ausweise dabei, zahlen aber überall den vollen Preis, wir sind noch viel zu jung, dürfen aber schon Ämter begleiten. Und irgendwie ist das toll, alles zu dürfen, nichts zu müssen. Jedenfalls solange man das Altersgefühl rechtzeitig an die Situation anpassen kann. Und natürlich auch nur dann, wenn man seinen Ausweis nicht doch mal zu Hause vergessen hat.

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