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Dr. Birgit Ebbert: Alle Kolumnen 2019

14.09.2019, Was schlängelt sich durch Aue und Park

Der Leinakanal, Foto: Birgit Ebbert

Der Leinakanal, Foto: Birgit Ebbert

Als ich zum ersten Mal vom alten Rathaus zum Schloss hinaufstiefelte, fiel mir gleich ein seltsames Holzgebilde auf. Interessante Kunst gibt es hier, dachte ich und wusste nicht, dass die Überdachung dazu diente, den Höhepunkt - im wahrsten Sinne des Wortes - der 120 Jahre alten Wasserkunst zu schützen. Jetzt weiß ich, dass sich unter der Holzhaube vier Tiere befinden, die jedes Jahr vom Gothardusfest bis in den Herbst Wasser spucken, das nach dem Vorbild der Kasseler Wilhelmshöhe in Kaskaden den Berg herabsprudelt.

Mit dieser Wasserkunst ehrt die Stadt ein historisches Denkmal, das sonst im Ort kaum in Erscheinung tritt, den Leinakanal. Unvorstellbar, dass er bereits vor 650 Jahren angelegt wurde. Vor 650 Jahren, das war 1369, über 100 Jahre vor Luther und Gutenberg, 300 Jahre vor dem Bau von Schloss Friedenstein! Fast mag man die Legende über den Mönch, der mit einem Ochsenkarren die Furchen für den Kanal gezogen haben soll, glauben. Aber auch damals hat es Denker gegeben, die errechnet haben, wie der Kanal angelegt werden muss, damit das Wasser dorthin gelangt, wo es hin soll. Vermutlich war es der Werkmeister Conradus, der im Dienst von Landgraf Balthasar dafür sorgte, dass in dreijähriger Arbeit ein Graben von der Leina im zwölf Kilometer entfernten Schönau bis nach Gotha geschaffen wurde. Bis zur Fertigstellung 1369 mussten die Bürger über Ziehbrunnen Wasser beschaffen, seit 650 Jahren fließt es auch in Gotha. Inzwischen dient der Kanal nicht mehr der Wasserversorgung der Bürger, aber er ist dank der Pumpanlage unter dem Lucas-Cranach-Haus dafür verantwortlich, dass die Wasserkunst läuft, und er versorgt die Parkteiche mit Wasser.

Ich habe wirklich allen Grund, den Erbauern aus dem 14. Jahrhundert eine Kolumne zu widmen. Wo sollte ich in Gotha Wasserspiegelungen fotografieren, wenn die Teiche im Park von Schloss Friedenstein nicht wären? Wo würden mich Enten, Reiher, Frösche und Passanten zu Geschichten inspirieren? Ob Fluss, Teich, See oder Meer, wenn ich Wasser sehe schaltet mein Gehirn gleich in den Kreativmodus. Deshalb bin ich froh, dass es den "uralten Schlingel", wie der Freundeskreis Leinakanal den Graben liebevoll nennt, gibt. Obwohl ich mich jedes Mal wundere, wenn ich die Bezeichnung "Leinakanal" lese. Zwischen Rhein-Herne- und Dortmund-Ems-Kanal aufgewachsen, waren Kanäle für mich immer breit, betoniert und gerade. Aber diese Kanäle sind mit ihren rund 100 Jahren auf dem Buckel auch Teenies im Vergleich zum Leinakanal und um sie ranken sich gewiss nicht so spannende Geschichte wie um den Gothaer Wasserspender. Das beschäftigt mich doch, woher der vermeintliche Mönch den weißen Ochsen gehabt haben könnte, wie er ganz allein den fast 30 Kilometer langen Graben gezogen haben soll, aber auch wie Werkmeister Conradus ermittelt hat, welche Steigung der Kanal haben muss und darf, damit das Wasser fließt und wie der Graben beschaffen sein muss, damit das Wasser nicht versickert. Und jedes Mal, wenn ich zum Schloss raufgehe und an der Wasserkunst in großen Lettern lese: "Fünfhundertjährige", stelle ich mir eine 500-jährige Frau vor, die den Berg hinabsteigt. Geschichten über Geschichten schlummern hier in Gotha. Ich bin gespannt, welche Sie mir als nächstes bescheren.

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