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Christoph Kuhn: Alle Kolumnen

05.07.2008, Nach Sieg - vor Sieg

Erinnern Sie sich, wie Deutschland ins EM-Halbfinale kam und später noch weiter ? und an Spaniens Sieg!? Nun ist wieder grauer Alltag und höchste Zeit, dass neue Events über Fernseher oder "Public Viewing" ins Haus stehen, beziehungsweise ins Zelt.

Ich verstehe wenig von Fußball und bin überhaupt nicht leicht für Sport zu begeistern, wo ich ihn nicht selbst mache. Aber der allgemeine Jubel hat mich schon angesteckt und den Sieg der deutschen Nationalmannschaft im Halbfinale der EM gegen die Türkei in Basel habe ich sogar mit eigenen Augen gesehen, nach dem Bildausfall ? das Traumtor von Philipp Lahm, 3:2 in der 90. Minute! Danach war ich auf der Straße, der Gartenstraße (es sind immer die Hauptverkehrs­adern), also auf der Fanmeile. Dort erinnerte die Stimmung ans "Sommermärchen" der WM 2006: Fahnengeschmückter Autokorso, wie militärische Streitwagen rollte es am spalierstehenden Volk vorbei. Man hing indianerähnlich kriegsbemalt aus den Fenstern, hupte, blies in Tröten und Pfeifen, rüttelte die Autos, klatschte die Insassen ab, verspritzte Bier. (1954 waren es nur die Spieler, die nach Siegen im offnen Wagen die Stadt passierten. Jetzt identifizieren sich die Fans so mit ihnen, dass sie selber Korso machen.) "So sehn Sieger aus ? schala, la, la, la!", bejubeln sie (als "12. Mann") sich selbst. Man/frau ist stolz, Deutsche(r) zu sein ? ein völlig normaler Patriotismus. Nationalismus ? ein Spiel. Deutsche zeigen die türkische Flagge und umgekehrt oder türkisch-deutsche Flaggen kombiniert; wie gut das ist, wird betont, doch mir fällt Reinhard Meys Lied ein, wo es heißt: "Rechnet nicht mit mir, beim Fahne schwenken, ganz gleich, welcher Farbe sie auch sei ?" Wer aus der DDR stammt, wo das angeordnet wurde, stimmt wohl gern zu, fühlt sich hier doch wieder fehl am Platz. Aber das mit der DDR-Fahne bekleidete Mädchen wird nicht ausgegrenzt. Ich als stiller ungeschmückter, ungeschminkter Passant werde auch toleriert oder ignoriert. Als jemand ?Niederknien!? skandiert, begebe ich mich lieber ins Abseits, weil ich keinem Befehl nachkommen, aber auch kein Spiel-Verderber sein will. "Finale, Ooo-oh! Finale, Ooo-oh!"

Es herrscht Ausnahmezustand. Das Regelwerk der Feste wird außer Kraft gesetzt. Karneval im Sommer, Party, Love Parade außer der Reihe. Ein bisschen Religionsersatz? Psychologisch betrachtet ist das Engagement bemerkenswert: Welchen Anteil hat der einzelne Fan am Erfolg der Löw-Elf? Wie eng ist die Kommunikation des Volkes mit den doch persönlich unbekannten Athleten? 

Fußball ist nicht mehr nur Spiel, freudvolles Spektakel. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, heißt es ? galt das nicht schon für Krieg oder bei Wahlen? Fußball gehört zur Kultur ? mit den Aggressionen, die nicht mehr auszuschließen sind: wie zum Beispiel der Angriff auf zwei türkische Händler in Dresden. Auch andernorts Körperverletzungen, Beleidigungen, Sachbeschädigungen, Widerstand, Festnahmen. Die Polizei sprach noch von einer positiven Bilanz angesichts des so großen Fan-Ereignisses. In Gotha keine besonderen Vorkommnisse, obwohl einige wenige Angetrunkene darauf gewartet zu haben schienen. Fans posierten mit Polizisten vor Streifenwagen ? nur die Uniformen dürften von Fahnen nicht völlig verdeckt sein, sagte ein Beamter. Einer rief "Bullen!" und sang "Ihr lebt nur von unserm Geld!", wurde aber aus eignen Reihen zur Ordnung gerufen. Sehr martialisch schlug ein Glatzköpfiger die Trommel für den Rhythmus zu "Deutschland!"-Rufen. Was über "Deutschland ? Sieg!" hinaus hätte anklingen können, wurde zum Glück verschluckt.

"Ohne Fußball ist nichts los!" erklang es ziemlich zum Schluss. Später sah ich ein Foto: Die Bundeskanzlerin umarmt Schweinsteiger! Wer sonst genießt (neben dem vorzüglichen Gehalt) solche Anerkennung ? es sei denn, er oder sie legte Wert darauf: Welcher Uhrmacher für gelungene Reparatur, welche Optikerin für exakte Brillenbestimmung, welcher Kanalarbeiter für leckfreie Rohre, welche Ärztin für heilende OP, welcher Zugführer für pünktliche Ankunft, welche Landwirtin für eingebrachte Ernte, welcher Pfarrer für tröstende Predigt, welcher Lehrer, welche Redakteurin wird umarmt vom Staatsoberhaupt? Aber das ist der Unterschied: Fußball ist eben Fußball.

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