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Christoph Kuhn: Alle Kolumnen

19.07.2008, Misstöne (Italienische Nacht)

"Italienische Nacht" in Gotha. Gut gelaunte Leute flanieren durch die Straßen und über die Märkte und sitzen im Biergarten. Auch die Temperatur passt zum Motto an diesem 5. Juli.

Die attraktive dunkelhäutige Marcella McCrae singt und tanzt über den Laufsteg, mit dem ihre Bühne etwa einen Meter überm Neumarktpflaster verlängert ist. Drum herum wird es eng; Publikum jedes Alters versammelt sich, selbst Kleinkinder mit Schnuller wippen auf dem Arm ihrer Mütter zum dröhnenden Rhythmus.

Um Mitternacht, gegen Ende der Show, drängen sich drei junge Männer, die der rechtsextremen Szene zuzuordnen und sichtlich angetrunken sind, nach vorn. Erst lehnen sie nur an der Rampe, dann zeigt einer von ihnen Marcella seinen rechten Mittelfinger, entert den Steg, baut sich vor ihr auf, versucht, sie am Tanzen zu hindern. Genauso souverän wie die junge Frau ihre Show präsentiert, geht sie auch mit der Attacke um ? beschwichtigend lächelnd, bis die Situation zu bedrohlich wird. Da steigt der Veranstalter auf die Bühne und stößt den Störer an, dass der ins Publikum taumelt, wo er unsanft aufgenommen wird. Die Leute streben auseinander und Bodyguards verhindern im letzten Moment eine größere Schlägerei.


Mit diesen Eindrücken fahre ich am nächsten Morgen zum traditionellen Tanz- und Folkfest nach Rudolstadt. Der Ort ist in letzter Zeit für die Medien ein heißes Thema gewesen, weil Pfarrer Andreas Neuschäfer, seine aus Indien stammende Frau Miriam und ihre Kinder ihren Wohnort verließen ? fremdenfeindlicher Angriffe wegen. Die Geschichte der Flucht wird inzwischen etwas differenzierter betrachtet und relativiert. Aber ein Schatten war auf Rudolstadt gefallen, als sei der Fall typisch für die Region, als wären die Menschen hier besonders rassistischer Gesinnung. Ausgerechnet da, wo jährlich das größte Weltmusikfest in Deutschland und eins der größten in Europa stattfindet ? ein multikulturelles Ereignis ersten Ranges.

Dieses Jahr stand Israel im Mittelpunkt. Besonders beeindruckend war der Auftritt der Sängerin Amal Murkus, die mit ihrem palästinensisch-arabischen Musikhintergrund von den Thüringer Symphonikern Saalfeld-Rudolstadt begleitet wurde. Unmittelbar nach dem erzgebirgischen Solisten Stefan Gerlach spielte auf derselben Bühne die Band All Stars aus Madagaskar. 1 300 Künstlerinnen und Künstler (über hundert Solisten, Bands und Tanzgruppen) aus mehr als 30 Ländern wurden gezählt.

World music. Das Fest sei wie ein Leuchtturm gegen jede Form von Rassismus, heißt es im Rudolstädter Kulturbüro. Von Fremdenfeindlichkeit war nichts zu spüren, jedenfalls nicht in diesen Tagen. Im Gegenteil große Zuneigung gegenüber allen ?fremden? Gästen. Allerdings kamen etwa 68 000 Besucher, und Rudolstadt hat 25000 Einwohner. Einer der regelmäßig zum Folkfest fährt, ist Hartmut Sauer aus Gotha. Mit  Jürgen Dölz und Oliver Bonsack gehört er zur Gruppe An Béal Bocht, die Irish Folk spielt. Nur tritt die Band nicht beim Festival auf. Hartmut Sauer meint, hier sollte irische Musik von Iren gespielt werden und deutsche von Deutschen ? originäre Musik jeweils von den Künstlerinnen und Künstlern ihrer Länder. Und was das Verhalten gegenüber ?Fremden? betrifft: es sei in Rudolstadt nicht anders als in Gotha oder anderswo.

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