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Christoph Kuhn: Alle Kolumnen

07.06.2008, Mangel an Kaufkraft

Ich kaufe ungern ein, sehe im Einkaufen nur eine unvermeidbare, lebensnot­wendige Beschäftigung. Und es erstaunt mich immer wieder, dass manche Zeitgenossen das "Shoppen gehen", oder besser gesagt "Shopping", als eins ihrer Hobbys betrachten, bzw. als Freizeit­beschäftigung. Ich fühle mich beim Einkaufen nie so richtig frei.

Trotzdem versuche ich immer wieder, aus der Not eine Tugend zu machen und der Tätigkeit etwas abzugewinnen. Doch schon mein Ansatz ist wohl grundverkehrt: Ich schreibe mir auf, was ich brauche, während die lustbetonten Einkäufer und Einkäuferinnen erst beim Einkaufen feststellen, was sie brauchen; eine Liste ist beim Einkaufsbummel nur hinderlich, weil die Waren im Supermarkt oder im Einzelhandel sowieso nicht in der Reihenfolge angeordnet sind wie auf dem Zettel.

Meine Vorliebe für Einkaufslisten stammt aus der frühen DDR-Zeit, wo die Mutter mich mit Zetteln losschickte zu Läden, in denen es fast alles gab ? allerdings gab es manche ganz normalen einfachen Dinge, wie Klopapier oder Schuhcreme, oft auch nicht. Die Erinnerung daran im Vergleich mit der Situation heute, wo in den Läden kaum ein Wunsch offenbleibt, müsste mich eigentlich beglücken. Aber jetzt steht meiner Freude die berühmte Qual der Wahl im Wege, d.h. in den Gängen des Supermarkts.

In solch einen kehrte ich gleich zu Beginn meines Aufenthaltes in Gotha ein, um mich zu versorgen mit den "Waren täglicher Bedarf", wie in der DDR, grammatikalisch merkwürdig, die nötigen Dinge des Lebens genannt wurden. Das Geschäft nennt sich "Kaufland" ? ein Name, der mir trotz beachtlicher Verkaufsfläche etwas anmaßend erscheint. Vieles war mir neu in diesem "Land", z.B. die Wagen mit enormer Ladefläche, die auf den Laufbändern zwischen den Etagen automatisch bremsen. Auch haben mich meine Fragen nach der Öffnungszeit oder den Auffindungsorten der Waren als Neuling entlarvt. Vielleicht war ich auch einer der seltenen Käufer, die sich wundern, dass es im Mai "Weihnachtsbier" gibt oder die belustigt an der Regalwand mit der Schrift "Kinderzubehör" vorbeischieben.

Obwohl ich mir Zeit nahm ? die richtige Kauflust stellte sich nicht ein. Das lag nicht etwa an dem Überfluss ringsum und dem plötzlichen Gedanken an den Hunger in der Welt und die Naturkatastrophen in Birma und China. Nein, ich habe gelernt, so etwas meistens zu verdrängen. Sondern zum Kaufgenuss gehört die Entschlossenheit zu wählen; die fehlt mir oft. Um ein schlichtes Stück Seife zu erwerben, muss man an so vielen Produkten, meistens Seifenspendern, vorbei. Und tatsächlich lagen wieder die Waren auf meinem Zettel, nahe liegende Produkte, hunderte Meter auseinander. Und das Phänomen stellte sich ein: Unterwegs entdeckte ich vieles, was ich noch ganz dringend brauchte. Und so war ich lange unterwegs und sehnte mich nach dem Einzelhandel, dem Tante-Emma-Laden, wo ich vorlese, was ich brauche und es mir über die Ladentafel zugereicht wird. Ob diese Zeit wieder­kommt? Tchibo wirbt ja mit dem Spruch: "Jede Woche eine neue Welt". Das wär`s doch.

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