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Christoph Kuhn: Alle Kolumnen

21.06.2008, 17. Juni

Bevor alle Schülerinnen und Schüler der Arnoldischule am Mittag des 28. April 1953 in die Aula befohlen wurden, hatten dort bereits etwa 200 Arbeiter Platz genommen ? offensichtlich um die Jugendlichen einzuschüchtern. Pfarrer Gerhard Linn, damals Abiturient, erinnert sich noch genau an die inquisitorischen Fragen, die der Schulrat vor der Versammlung an ihn richtete: "Was halten Sie vom Marxismus-Leninismus?" ? "Ich bejahe die ökonomischen und sozialen Ziele. Da der Marxismus aber mit dem Atheismus verbunden ist, kann ich als Christ kein Marxist sein." ? "Warum sind Sie nicht in der FDJ?" ? "Kürzlich las ich ein Transparent: ?Es lebe die FDJ, die Reserve der SED!? Die SED ist eine marxistische Partei. Wenn die FDJ als ihre Reserve gilt, kann ich nicht ihr Mitglied sein." (?) "Was tun Sie für den Frieden?" ? "Ich bete." Noch heute ist es für Linn ein Wunder, dass er schlagfertig antworten konnte, dass niemand lachte und dass er trotz sofort verfügten Schulverweises sein Abi bekam ? wegen Einspruch des Elternbeirats. ? Nachzulesen in Eckardt Hoffmanns Buch Neuanfang Krise Bewahrung 1945-1963, Evangelische Kirche in Gotha nach dem Zusammenbruch des ?Dritten Reiches?. Auch Ingrid Häuptner, damals Mitschülerin, heute Mitarbeiterin bei Schlossführungen und der Kirchenaufsicht, erinnert sich an die Szene. Sie weiß aber, dass viele Jugendliche auf Grund ihrer ?bürgerlichen? Herkunft, ihrer Ansichten, ihres Glaubens vom Abitur ausgeschlossen wurden oder gar nicht auf die Oberschule kamen, in ihrem Werdegang nachhaltig eingeschränkt wurden.

Die Angriffe des SED-Staates auf die kirchliche Jugend gehörten zur bedrückenden Situation jener Jahre. Andere Repressionen bestanden in der Vertreibung vieler Menschen aus innerdeutschen Grenzgebieten, Enteignung privater Betriebe oder Lebensmittelknappheit. Was mit einzelnen Streiks gegen zu hohe Arbeitsnormen begann, wurde zu Demonstrationen in allen ostdeutschen Großstädten, aber auch in kleineren Orten und auf dem Lande. hunderttausende Menschen protestierten nicht nur gegen zu hohe Preise und zunehmende Militarisierung, für Rentenerhöhung und Freilassung politischer Gefangener sondern sie forderten auch grundsätzliche demokratische Rechte wie Pressefreiheit und freie Wahlen.

55 Jahre liegt der Volksaufstand zurück. Als 2003 mit zahlreichen Ausstellungen und Publikationen des 50. Jahrestages gedacht wurde, merkte ich, wie wenig ich vorher über den "17. Juni" wusste. Die Regierung konnte den Informationsstand niedrig halten; im offiziellen Sprachgebrauch war es ein "faschistischer Putschversuch" durch "reaktionäre konterrevolutionäre Elemente", "Agenten" und "Randalierer". Westlektüre war schwer zu bekommen und ihr Besitz ein Straftatbestand: In mancher Hinsicht wussten wir über unser Land und seine Geschichte weniger Bescheid als viele Ausländer, sofern sie sich dafür interessierten. Doch in Familien und Freundeskreisen wurde über die Erinnerungen an den die Niederschlagung der ersten Volkserhebung durch sowjetische Panzer geredet ? ein Trauma für die SED, die die Wehrkraft erhöhte und die Staatssicherheit verstärkte. Und für das Volk, dem ein neuer Versuch, die Regierung zu stürzen erst 1989 glückte.

Wenn ich mich in Gotha umhöre, was sich vor 55 Jahren ereignet habe, sagt man mir, hier sei im Unterschied zu anderen Städten wie Jena oder Gera nichts Spektakuläres passiert: Im "Lowa", dem Lok- und Waggonbau, wurde gestreikt. Soldaten formierten sich an der Fliegerhorst-Kaserne, fuhren am Werkseingang vor. Der Bahnhof war abgeriegelt, Ausgangssperre verhängt, das Zusammenstehen von mehr als zwei Personen verboten. Ein Angehöriger der Kasernierten Volkspolizei wurde erschossen.

Ich höre auch von einem älteren Herrn, er habe im Juni 53 sein Abi gemacht, das ihm nirgendwo sonst anerkannte worden wäre, weshalb er sich dem Osten immer verbunden gefühlt habe. Ein anderer meint: in dieser Zeit damals ? da hätte wenigstens noch Zucht und Ordnung geherrscht.

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