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Anant Kumar: Alle Kolumnen

12.09.2015, WAS IST WICHTIG? ... WAS IST RICHTIG?

(Über Mit-, Neben- und Gegeneinander der Kulturen!)

"Alle Weisheiten der Welt wurden bereits in den jahrtausendealten Büchern (Veden, Upanishden, Epen...)" der Hindus niedergeschrieben ... Die heutigen Autoren sind überflüssig! Sie sind Nichtstuer!", hat mein Bruder wiederholt zu mir gesagt. Der ältere Familienverwandte lebt in Dallas/Tx als ein sehr hoch verdienender Informatikingenieur.  "Aber vielleicht könnten die zeitgenössischen Schreiber die alten Weisheiten im Lichte des Zeitgeistes darstellen?", fragte ich den Wirtschaftsmann.
"Nein! Es sind zumeist die geistigen Missgeburten der kranken Welt - so wie Kafka!", fertigte mich der Hindunationalist ab.
Die sich wiederholenden Gesprächsversuche unter zwei Familienbrüdern gingen in die Sackgasse so wie ein kurzer, neurer Disput mit meinem Potsdamer Doktoranden Christoph, der der Ansicht ist, dass die Künstler samt ihren Preisen und Auszeichnungen von seinen Steuergeldern leben würden.
Während meiner letzten Vortragsreise an deutschen Fakultäten im Königreich England brachte ich an einigen Orten meine Feststellung zum Ausdruck: "Manche Straßen in der Stadt sind hier in halb marodem Zustand!" "Ja! Die Straßen sind hier nicht so picco bello wie in Deutschland! Aber dafür wird hier viel mehr in die Integrations-, Immigrations- und Bildungsarbeit investiert!", bekam ich mehrfach von den Lehrkräften aus Deutschland zu hören.

Vor Jahren, während meines Grundstudiums, stand ich an einem späten Nachmittag lange an der Autobahn, um von Bayern nach Österreich zu trampen. Es begann allmählich zu dämmern. Ein Auto hielt an, und der gleichaltrige Fahrer erkundigte sich nach meinem Fahrtziel. "Nach Salzburg kommst du von hier aus sehr schlecht weg! Was ich dir anbieten kann ... dich an einem nächst gelegenen, großen Bahnhof absetzen!" Ich erklärte mich mit dem freundlichen Angebot einverstanden. Im fahrenden Auto kamen wir umgehend miteinander ins rege Gespräch, und dabei machte mir der Fahrer einen zweiten Vorschlag: "Pass mal auf! Es wird schon dunkel! Wir kennen die Fahrtzeiten der Züge nicht! Ich fahre gerade zu meiner Mutter! Du könntest gerne bei uns übernachten! Morgen bringe ich dich nach Garmisch zum Bahnhof! Von da aus ist Salzburg nicht weit!" "Okay!", hörte ich auf meine Intuition, "Und ich gab dem Neubekannten darauf einen Handschlag!"
In dem geräumigen Familienhaus bei der Mutter erwies sich der bayerische Abend als sehr erholsam. Bei der üppigen, rustikalen Brotzeit unterhielten wir drei uns rege über viele kleine und große Dinge des Lebens. Dabei kam auch das Thema Immigration und Ausländer zur Sprache, wobei meine lieben Gastgeber und ich unterschiedlicher Meinung waren.
"Menschen waren und sind unterwegs. So wie viele Deutsche, die in den letzten Jahrhunderten nach Brasilien und Nordamerika auswandern!"
"Aber sie lebten nicht von den Geldern der Amerikaner!", deutete mein Kumpel subtil die Thematik der Staatenlosen in Deutschland an. "Sonst habe ich auch nichts gegen die Ausländer!"
"Mein Lieber! Das komplexe Thema der Menschen auf der Flucht betrifft in der ganzen Welt sehr viele Länder, die sie aufnehmen müssen, manche sogar sehr missmutig!" Meine bayerischen Gastgeber hörten mir aufgeschlossen zu, und anschließend gingen wir im Frieden in unsere komfortablen Schlafgemächer.

Im Café aroma saßen wir an einem Samstagvormittag nicht sehr erfreut wegen einer stattfindenden Demonstration rechtsgesinnter Menschen. Der Stadtführer, der in Got`sch die Stadtführung macht, sagte bezugnehmend auf eine NDR-Sendung, so etwa: "Ein PEGIDA-Anhänger beharrt auf einem Reichtum, der ihm nie gehört hat!" Hmm. Es war wiederum eine wirtschaftliche Dimension eines vielschichtigen, komplexen Themas.

In diesem Frühjahr wurde ich im Hagener Bahnhof von Ulrich Korfluer herzlich empfangen, und wir fuhren zu dem Veranstaltungsort "Café Mundial" einer typischen NRW-Stadt mit einem beträchtlichen Immigrantenanteil. Ulrich, der seit Jahrzehnten im Bereich "Migration & Integration" hauptberuflich arbeitet, war meiner Meinung, dass die vielen Themen der Einwanderung/Zuwanderung aktueller als je geworden sind: von der Wirtschaft über Religion bis zu den Menschenrechten.

Ein Weltpolitiker steuerte seine Meinung abends im Talkshow über die gegenwärtige Immigrationspolitik bei: "Es kommt nicht darauf an, woher einer kommt ... sondern: was er kann!" Hmm. So etwas mag den Menschen gefallen, die die deutsche Wirtschaft wieder ganz vorne in der Welt sehen möchten. Die Polit-Parole ist jedoch sehr fragwürdig, wenn wir das Grundrecht zum (Über-)Leben unter den Gesichtspunkten "Behinderung", "Krieg", "Verbrechen", "Alter", "Verfolgte Künstler" ... betrachten würden.
"So sehe ich es auch", bejahte meine Sichtweise Ulrich im fahrenden Auto.      

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