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Kniefall von Gotha

Napoleon Bonaparte begnadigte vor 200 Jahren den Verleger Rudolph Zacharias Becker

Im Vordergrund links Herzog August von Sachsen-Gotha-Altenburg, Caroline Becker, Napoleon Bonaparte, Leib- und Kammerdiener Roustam Raza, Marschall Edouard Adolphe Mortier, Joachim Murat - König von Neapel - Zeichnung Natalie Schmidt
Im Vordergrund links Herzog August von Sachsen-Gotha-Altenburg, Caroline Becker, Napoleon Bonaparte, Leib- und Kammerdiener Roustam Raza, Marschall Edouard Adolphe Mortier, Joachim Murat - König von Neapel - Zeichnung Natalie Schmidt
Portrait Caroline Becker - Zeichnung Natali Schmidt
Portrait Caroline Becker - Zeichnung Natali Schmidt

Der Kniefall einer Frau vor Napoleon während eines kurzen Aufenthaltes des französischen Kaisers am 25. April 1813 stellt vielleicht das bedeutendste historische Ereignis im Rahmen seiner insgesamt fünf Gotha-Besuche dar. Am Donnerstag dieser Woche jährt sich das couragierte Freilassungsersuchen Caroline Beckers (1765 - 1828) vor der Kutsche Napoleons in der Nähe der Gothaer Friedrichskirche an der Erfurter Landstraße zum 200. Male.

In den Jahren 1807 und 1808 hatte Napoleon-Verehrer Herzog August von Sachsen-Gotha-Altenburg die große Freude, den Kaiser der Franzosen in Gotha begrüßen zu können. Im Jahre 1806 war das Herzogtum in den Rheinbund aufgenommen worden und unter der Regie von Herzog August wurde vieles getan, um dem Kaiser der Franzosen zu gefallen. Die Huldigungs- und Geburtstagsfeiern allerorten zu Ehren des französischen Kaisers täuschten Bonaparte natürlich nicht darüber hinweg, dass es überall Gegner seiner Politik und seines Herrschaftsstrebens gab. Daher ließ er sich durch Gesandte und Beauftragte umfangreich über die öffentliche Meinung in den Rheinbundstaaten informieren und hat zu deren Ausrichtung Bestimmungen erlassen, die u. a. Schriftleiter von Verlagen persönlich für den Inhalt ihrer Veröffentlichungen haftbar machten. Dies wurde dem Gothaer Verleger und Herausgeber des "Allgemeinen Anzeigers der Deutschen" Rudolf Zacharias Becker (1752 - 1822) zum Verhängnis. Er hatte am 11. Februar 1811 in seiner "Nationalzeitung der Deutschen" den Aufsatz "Der Deutsche Bund, eine geheime Gesellschaft" veröffentlicht. Der Artikel führte neun Monate später, am 30. November 1811, auf Befehl des französischen Marschalls Davoust zur Verhaftung Beckers. In seinem 1814 erschienenen Buch "Leiden und Freuden in siebzehnmonatlicher französischer Gefangenschaft, von ihm selbst beschrieben. Ein Beytrag zu Charakteristika des Despotismus" schreibt Rudolph Zacharias Becker über die Verhaftung in Gotha:

"Am 30sten November 1811 hatte ich die ersten Morgenstunden der Erfüllung einer Vaterpflicht gewidmet. Ich schrieb an den ältesten meiner damals in Göttingen studirenden Söhne ... Der Brief war eben geschlossen, als ein Fremder, der mich zu sprechen verlangte, in mein Zimmer geführt wurde. Er hatte mir kaum seine, den Allgemeinen Anzeiger d. D. betreffende Angelegenheit eröffnet, als ich ein schreckliches Gepolter auf meiner Treppe vernahm … Allein im Augenblick war mein Zimmer von französischen Cuirassieren angefüllt, die mit ihren Waffen einen Lärmen machten, als ob sie alles zertrümmern wollten. Ihnen folgte ein mit dem Kreuz der Ehrenlegion gezierter Offizier von ansehnlicher Statur und zornigem Gesicht, der mit donnernder Stimme mir ankündigte: ‚er käme im Namen und auf Befehl des französischen Gouvernements, sich meiner Person und meiner Papiere zu bemächtigen, und ich solle mich unverzüglich dazu bequemen, ihm zu folgen, sonst würde er Gewalt brauchen.’  Meine Frage nach der Ursache des Verfahrens wurde mit Ungestüm abgewiesen.  ... Drei mitgekommene Polizeibeamte, ..., fielen über meinen Schreibschrank her, zogen alle Fächer heraus, rafften alle Papiere und Briefe zusammen, warfen sie in Körbe, die man in meinem Hause dazu gefordert hatte, und ließen sie durch Cuirassiere in die vor der Thür haltenden zwey Wagen schaffen. ... Meine über dieses kriegerische Getöße im Hause in tödtliche Angst versetzte Frau hatte zweymal versucht, zu mir einzudringen, und war mit drohenden Säbeln zurück gewiesen worden. Endlich gelang es ihr, in ein an mein Zimmer stoßendes Kabinet zu kommen, wo sie der Offizier selbst mit beyden Händen zurück halten wollte, bis er auf Hennickes Vorstellung, dass es meine Frau sey, die von mir Abschied nehmen wolle, ihr erlaubte, sich mir zu nähern. Sie reichte mir jammernd mein gewöhnliches Frühstück, eine Brotrinde und ein Glas Wein und ... sie hatte in diesem schrecklichen Augenblicke noch die Fassung, dem Manne, der ihr Herz so tief verwundete, auch ein Glas anzubieten, das er beschämt ausschlug, indem er sie und meinen Schwager versicherte, dass, wenn ich unschuldig sey, unsre Trennung nicht lange dauern werde.“ (Rudolph Zacharias Becker, Leiden und Freuden in siebzehnmonatlicher französischer Gefangenschaft, Gotha 1814, S. 8 - 11)

Rudolph Zacharias Becker wurde schließlich über Langensalza, Sondershausen, Nordhausen, Hasselfelde, Blankenburg, Halberstadt und Egeln nach Magdeburg verbracht. Selbst der Einspruch des Gothaer Herzogs, der sich sehr um die Familie Beckers sorgte, hatte hier keine Wirkung erzielen können, der Verleger blieb in Festungshaft.

Kaiser Napoleon Bonaparte war nach der katastrophalen Niederlage am Ende seines Russland-Feldzuges im April 1813 auf dem Weg von der französischen Hauptstadt nach Erfurt. Zu dieser Zeit dauerte Beckers Haftzeit in der Elbestadt bereits mehr als sechzehn Monate an, als schließlich ein berittener Bote am späten Nachmittag des 25. April dem Gothaer Hof die Nachricht überbrachte, dass Kaiser Napoleon in Kürze die Stadt passieren würde. Auch der Familie von Rudolph Zacharias Becker wurde die Nachricht zugetragen und sein zweiter Sohn, dessen Brief der Verleger in seinem Erinnerungsbuch zitiert, beschrieb die Ereignisse ausführlich:

"Wir hatten gehört, Napoleon werde durch Gotha kommen, um von Erfurt aus den neuen Feldzug zu eröffnen. So schmerzliche Empfindungen sein Name auch in uns aufregte, so belebte er doch immer die schwache Hoffnung von neuem, dass wir vom Kaiser unmittelbar Gerechtigkeit erlangen würden. Da wir jetzt mit Gewissheit wussten, dass er von Deiner Angelegenheit unterrichtet sey, so setzte ich nur einige Zeilen auf, ihn daran zu erinnern und ihm unsere unglückliche Lage zu schildern, und meine Mutter wollte sie ihm selbst überreichen. Ich hoffte wenig von diesem Schritte: weil so viele ähnliche schon vergebens geschehen waren, und weil die schönere Hoffnung, dass die Macht gerechter Waffen Dich bald befreyen würde, aus damals aufgieng. - Mehrere Tage und Nächte unruhiger Erwartung seiner Ankunft waren verflossen, als man uns am 25. April gegen Abend meldete, in einer halben Stunde werde der Kaiser eintreffen. Die Hoffnung beflügelte die Schritte meiner Mutter, die den Gasthof zum Mohren, wo der Kaiser absteigen sollte, schon erreicht hatte, ehe ich mit meiner Schwester folgen konnte; wir wollten alle drey vor ihn treten, denn mehrere Bittende rühren ja leichter die Herzen, und bitten mussten wir leider! Wo wir hätten fordern dürfen. Jetzt erfuhren wir: der Kaiser werde nicht aussteigen, sondern nur die Pferde beym Chausseehause nächst der Stadt wechseln. Unsere Hoffnung sank, aber meine Mutter war entschlossen zu ihm zu dringen, wo es auch sey, und so eilten wir an den bestimmten Ort. Eine Menge von Menschen versammelte sich da nach und nach, vom Zufall oder Neugier getrieben, den Mann des Jahrhunderts zu sehen; uns allein hatte die Liebe hierher geführt, aber die verzweifelnde Liebe, wie im Fieber wechselnd mit Haß und mit Furcht. - Jetzt kam der kaiserliche Wagen; er hielt, und unser durchl. Herzog, der wenige Minuten vorher auf dem Platze angekommen war, näherte sich dem Schlage, um den Kaiser zu begrüßen. Da es Eile galt, um die Absicht zu erreichen, die uns hierher geführt hatte: so sah ich mich ängstlich nach einem Offizier um, der uns den Weg zum Wagen durch die Gendarmen öffnen konnte, die ihn versperrten. Während ich aber noch suchte, riß sich plötzlich meine Mutter mit den Worten: `nein, ich warte nicht länger! `von meinem Arme los, warf den vor uns stehenden Gendarmen auf die Seite, stand mit einem Sprunge vor dem Wagen, und überreichte dem Kaiser hastig das Papier. Aber in dem Augenblick verließen sie auch ihre Kräfte; der Schmerz Jahre langer Leiden, und die Erinnerung so vieler getäuschten Hoffnungen und bittern Erfahrungen schienen sich in diesem Moment der Entscheidung lebendig zu erneuern, und lasteten zu schwer auf der Bekümmerten; von der wechselnden Angst und Hoffnung erschöpft, sank sie laut jammernd zu Boden. Es war ein herzzerreissender Anblick, die verzweifelnde Mutter von Liebe getrieben im Staube vor dem Herrscher, in dem sie den Urheber ihres Unglücks hassen musste! Der Kaiser hatte die Schrift genommen, ..., und unseren Herzog gefragt, wer die Frau sey? Ehe dieser sie erkannte, sah der Kaiser in das Papier, und sagte sogleich: Ah je sais ce que c’est`(ach ich weiß, was es ist). Freundlich wandte er sich darauf zum Herzog, und bat ihn - der Frau die baldige Rückkehr ihres Mannes zu verkünden.  Du weißt wie innigen Antheil unser durchl. Herzog an Deinem Schicksal und an unserer unglücklichen Lage genommen hatte; freudig gerührt hob er selbst meine Mutter auf, und wünschte ihr zu Deiner Befreyung Glück, ...“ (Rudolph Zacharias Becker, Leiden und Freuden in siebzehnmonatlicher französischer Gefangenschaft, Gotha 1814, S. 155 - 158)

Caroline Becker, die vor Aufregung nicht wusste, ob sie ihren Ohren trauen konnte, wurde vom dabei stehenden Marschall Édouard Adolphe Mortier bestätigt, dass sie sich beruhigen könne und das Wort des Kaisers tatsächlich die unverzügliche Freilassung ihres Mannes befiehlt. Beckers Sohn schildert weiter:

"Ich stand mit meiner Schwester noch hinter den abwehrenden Gendarmen; die Mutter sprang auf uns zu, der Erhörten öffneten die ernsten Krieger freundlich ihre Schranken, sie zog uns vor, um ihr noch einmal zu bitten, um ihr danken zu helfen, und ich folgte mechanisch; ich wusste nicht, ob ich mich freuen oder betrüben sollte über die Gnade. Der Kaiser legte sich noch einmal freundlich zum Wagen heraus, und sagte: `votre mari retournera, mais, setzte er hinzu, dites lui, qu’il soit plus sage á l’avenir et qu’il ne se mèle plus des affairs des puissances! (Ihr Mann wird zurückkehren, aber sagen sie ihm, dass er sich künftig klüger benimmt, und sich nicht mehr in die Angelegenheiten der großen Mächte mischt) ..." (Rudolph Zacharias Becker, Leiden und Freuden in siebzehnmonatlicher französischer Gefangenschaft, Gotha 1814, S. 158 - 159)

Vier Tage später, am Vormittag des 29. April 1813, erfuhr auch Rudolph Zacharias Becker von seiner Freilassung. Kaum hatte man ihm die frohe Kunde überbracht, waren auch schon seine beiden älteren Söhne in Magdeburg angekommen, um ihn nach Hause zu holen. Am 5. Mai 1813 zu Mitternacht kam Becker in Gotha an, wo er von seiner Familie und schließlich auch von der herzoglichen Familie freudig empfangen wurde. Der Courage seiner Frau Caroline, die auch 200 Jahre später noch bewundernswert ist, hatte Erfolg gezeigt.

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