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Annette Weber: Alle Kolumnen 2017

29.07.2017, Zweifelhafte Berühmtheit

Vor einiger Zeit hatte ich eine Lesung in Emsdetten, einem kleinen beschaulichen Städtchen im Münsterland. Ich bin schon häufiger hier gewesen.
"Kennen Sie Emsdetten?", fragt mich eine Gruppe Mädels, die noch eine Weile bei mir stehen und einige persönliche Fragen an mich haben. Ich bejahe. "Durch den Amoklauf, stimmt`s?", fragt eine und verzieht schmerzhaft das Gesicht. Auch die anderen sehen traurig aus. "Niemand kannte Emsdetten vorher, aber jetzt kennen es alle", sagt eine andere. "Ich kannte es schon vorher", sage ich. "Und ich finde, dass es eine hübsche Stadt ist." Jetzt ernte ich dankbare Blicke.
2006 ereignete sich an einer Realschule in dieser Stadt ein schrecklicher Amoklauf. Das ist sehr lange her, und doch wird der Namen der Stadt seitdem mit dieser Tat in Verbindung gebracht, genauso wie die Stadt Winnenden bei Stuttgart. Da haben es große Städte wie München oder Erfurt leichter, hier werden diese Attentate wieder von anderen Aktivitäten überlagert. Kleine Städte dagegen bleiben stigmatisiert.
Mehr Glück haben Städte, wenn sie einen besonderen Ruf erlangen, weil sich eine Geschichte um diese Stadt herumlegt, die irgendwie skurril oder lustig, unheimlich oder mysteriös ist. So gibt es die Geschichte über die Stadt Bielefeld, die angeblich gar nicht existiert – die sogenannte "Bielefeldverschwörung". Diese Geschichte entstand wahrscheinlich, als man in Bielefeld eine U-Bahn baute und die Autofahrer durch immer neue Baustellen gezwungen waren, die Stadt stundenlang zu umkreisen.
Auch die Stadt Ebersberg in Schwaben ist berühmt geworden, weil dort angeblich eine weiß gekleidete Frau immer wieder am Straßenrand auftaucht und versucht, zu trampen. Nimmt man sie nicht mit, sitzt sie plötzlich – so die mystische Geschichte - wie von Zauberhand auf dem Beifahrersitz, greift dem Fahrer ins Lenkrad und versursacht auf die Weise tödliche Unfälle. Ganze Touristenströme beobachten nun den Straßenrand von Ebersberg mit großer Aufmerksamkeit – immer wieder tauchen bei Facebook oder Instagram neue Fotos der unheimlichen Frau auf. Der Ebersberger Forst hat auf die Weise Berühmtheit erlangt.
Auch Gotha genießt Deutschlandweit einen besonderen Ruf. "Ich habe neulich was in unserer Zeitung über Gotha gelesen", berichtet mein jüngster Sohn. "Bei euch soll es einen Geisterbus geben."
Ich erzähle ihm von den beiden Bussen, die nun schon fast ein halbes Jahr in stetiger Regelmäßigkeit hintereinander herfahren. Mein Sohn ist begeistert. Das MUSS er sehen.
Da kann man eine historische Innenstadt haben, man kann ein schönes Schloss, einen tollen Zoo und interessante Museen haben – wenn es hart auf hart kommt, bleibt der Geisterbus hängen. Mein Sohn jedenfalls ist bei seinen Besuchen besonders an diesen Bussen interessiert und starrt ihnen fasziniert nach, wie sie die Gartenstraße blockieren. So etwas Komisches hat er schon lange nicht mehr gesehen.
Da setzt man im Marketingbüro auf Luther, Bach und Ernst den Frommen, und dann ist es der Bus, der für die Bekanntheit sorgt.
"Welchen Bus nimmst du? Den langweiligen oder den coolen?", fragt ein Mädchen ihre Klassenkameradin, als die beiden Busse wieder fast zeitgleich an der Haltestelle halten.
"Ich nehm den hinteren. Der ist ruhiger", sagt die eine. (Und genauso hätte ich auch entschieden.) "Ich nehme den coolen Bus", sagt die andere.
Jetzt bleibe ich aber doch einen Augenblick stehen und warte. Schließlich muss ich wissen, welcher Bus der coolere ist. Für mich sehen beide Busse gleich aus.
Das Mädchen schiebt die Sonnenbrille auf die Nase und steigt in den vorderen Bus. Und dann sehe ich: Da hängen ebenfalls ein paar coole Sonnenbrillentypen ab.

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