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Annette Weber: Alle Kolumnen 2017

04.11.2017, Wo die Gothschen ihre Brötchen verdienen?

Sind Sie schon mal so richtig wütend gewesen und haben voller Wucht Ihre Wohnungstür zugeschlagen? Und ist die Tür trotzdem heile geblieben? Dann können Sie sich ziemlich sicher sein, dass es eine Tür aus dem Spanplattenwerk Sauerland-Spanplatte Gotha Ost ist. Gott sei Dank kommen 90 % aller Türen in Deutschland von diesem Werk, so dass man sich ziemlich sicher sein kann: Auch wenn es in der Wohnung mal chaotisch aussieht – die Tür hält!
„Sie müssen unbedingt mal über den Wirtschaftsstandort Gotha schreiben“, bittet mich Frau Grauel vom Amt für Wirtschaftsförderung. „Die Jugend muss doch wissen, dass man auch hier in Gotha einen guten Ausbildungsplatz findet und nicht immer das Heil in der großen weiten Welt suchen muss.“
Ich lasse mich überreden. Schließlich will ich auch wissen, wie und wo man in Gotha seine Brötchen verdient. An Industrieanlagen schaut und fotografiert man ja gerne vorbei, besonders wenn weißer Rauch bei ihnen aufsteigt, als wenn die Papstwahl gewonnen werden müsste. Aber natürlich ist es unglaublich wichtig, dass ein Ort seinen Einwohnern Arbeitsmöglichkeiten bietet, sonst hätte sich die Stadt schnell zur Geisterstadt entwickelt.
In Gotha gibt es wenig Geschäftsleerstand – das fällt mir besonders deswegen auf, weil in meiner Heimatstadt Bad Lippspringe die Innenstadt so gut wie tot ist. Hier in der Fußgängerzone in Gotha befindet sich hinter jedem Schaufenster auch ein echtes Geschäft. Das ist etwas Besonders, und auch der Wirtschaftsförderung zu verdanken.
Frau Grauel nimmt mich nach einer längeren Einführung mit auf eine Spritztour, und wir fahren durch die Industriebezirke Gothas.
Ich erfahre so vieles, was ich überhaupt noch nie gehört hatte. Wussten Sie zum Beispiel, was ein Doppio-Tretlagergetriebe ist? Nee? Ich auch nicht. Aber es ist einzigartig und wird von der Kappstein-Bike-Technologie bei Profifahrrädern ins Rad eingebaut, damit die Fahrer auch bei Olympia locker mithalten können. Irgendwie cool, wenn man in einer Stadt lebt, die den Radfahrern im Zweigang-Turbo zum Olympiasieg verhilft.
Persönlich beeindruckt bin ich auch von dem Unternehmen KMD – Passion für Steine, wo ich doch Steine immer so liebe. Sie verarbeiten Natursteine für den Innenausbau und haben schon so ein tolles Außenambiente, dass man sehen kann, dass sie ihren Job verstehen. Ich schwöre, sollte ich es in diesem Leben noch mal zu einer Yacht bringen – man darf die Hoffnung nicht aufgeben – werde ich das Badezimmer in Picasso-Quarz-Marmor ausstatten.
Auch viele andere Betriebe bieten Arbeitsplätze für Techniker, Mechaniker, Konstrukteure und Handwerker.
Einige Firmen und Schulungsinstitute profitieren auch davon, dass sich der Standtort Gotha mitten in Deutschland befindet. So hat die Windkraftfirma Enercon Service GmbH hier ein Schulungszentrum und ein großes Logistikzentrum für Wartungsmonteure errichtet. Von hier aus reisen die Monteure durch die Lande, wohlwissend, dass sie jede Windanlage Deutschlands an einem Tag erreicht haben.
„Aber früher zu DDR-Zeiten hatten wir viel mehr“, sagen einige dann gerne und vergessen, dass es damals einfacher war, einen Betrieb zum Laufen zu halten, da er nicht auf Wirtschaftlichkeit ausgerichtet war und Umwelt- und Arbeitsschutz unbeachtet ließ. Frau Grauel betont ausdrücklich: „Die meisten Unternehmen haben die Wende überlebt.“ Den Grund dafür sieht sie darin, dass viele Betriebe schon vor der DDR ein gestandenes Unternehmen waren. Natürlich hat sich viel verändert, seit die Betriebe privatisiert wurden. Das ist der Preis für die Rückkehr in die freie Marktwirtschaft. Dafür kann die Qualität der Produkte überall mithalten, ein Argument für die Erfolge der Unternehmen.
Einen großen Nachteil haben fast all diese Firmen aber. Sie sind überwiegend Zweigbetriebe, zahlen also ihre Gewerbesteuern an ihrem Hauptsitz und damit nicht in Gotha. Das ist ja eigentlich total ungerecht, wo doch die Infrastruktur an dem Ort genutzt wird, an dem die Unternehmen stehen und die Mitarbeiter leben. Aber Steuern und Gerechtigkeit ist ein anderes Kapitel… und das habe ich sowieso nie wirklich verstanden.

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