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Annette Weber: Alle Kolumnen 2017

20.05.2017, Wie sind sie, die Goth’schen

Ist euch schon mal aufgefallen, wie cool euer Autokennzeichen aussieht? GTH, das sieht irgendwie so akademisch aus - wie Theologe oder Theater, diese TH-Rechtschreibung, die viele Kinder heute nicht mehr gebacken kriegen, weil sie in der Schule gelernt haben, so zu schreiben, wie man spricht. GTH hebt sich schick gegen die eher schlichten Autokennzeichen der Nachbarstädte ab: EA oder EF, ehrlich, das sieht ein bisschen einfallslos aus.

Umso mehr hat es mich aus den Puschen gehauen, als ich hörte, dass sich die Gothaer Einwohner "Die Goth’schen" nennen. Ich versuchte, den Ursprung des Wortes herauszufinden, aber es erschloss sich keine seriöse Quelle. Wenn man ehrlich ist, hört sich dieses Wort an, als wenn ein Erfurter Bürger 1724 etwas zu lange im Königssahl in der Sonne gesessen hat und nach dem sechsten Humpen frisch gezapftem Bieres versuchte zu sagen: "Goodaer Bier is unaareichd, zwei weern gedrunken und viere geseichd". Er verhaspelte sich aber bei den vielen Vokalen des Wortes Goodaer – und brachte nur noch ein Goodsch heraus.
Okay, die Quelle zu dieser Geschichte ist nicht überliefert, aber genauso könnte es sich zugetragen haben. Und damit war der Begriff "Gothsch" geprägt und ist bis heute erhalten.

Wie sind sie eigentlich, diese Gothschen? Diese Frage stelle ich mir immer mal wieder, wenn ich so auf dem Buttermarkt sitze und die Menschen um mich herum betrachte.
Natürlich will ich mir nicht anmaßen, an dieser Stelle eine Charakteristik eines typischen Gothschen zu erstellen, schon gar nicht bin ich in der Lage, einen Erfurter von einem Eisenacher oder einen Gothschen von einem Ilmenauer zu unterscheiden. Was ich aber sagen kann ist, dass die Menschen in meinem Heimat-Bundesland Westfalen* anders sind. In Westfalen ist man eher stur. Wenn man an der Bushaltestelle auf zwei weitere Wartende trifft, schaut einer in die Luft, der andere auf seine Schuhe. Geredet wird nicht. Und wenn kein Bus kommt, sagt man nach einer Stunde: "Warten Sie auch?"
Die Thüringer sind anders. Sie reden. Nicht so viel wie die Rheinländer, nicht so geschwätzig wie die Schwaben, aber sie mischen sich ein und nehmen Anteil.
Wenn man mal wieder am Bertha-von-Suttner-Platz auf das Grün der Ampel wartet, sagen sie: "Das dauert mal wieder." Und wenn ich durch die Erfurter Straße gehe, kann es sogar passieren, dass jemand auf mich zukommt, mir die Hand gibt und sagt: "Mensch, ich kenne Sie doch aus der Zeitung. Sie sind doch die Stadtschreiberin." Und wenn ich dann frage: "Und wer sind Sie", dann sagen sie: "Ach, das ist nicht so wichtig."
Sie tragen nicht ihr Herz auf der Zunge, aber sie sind direkt und ehrlich. Ich mag das, und ich finde es einfach, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Überhaupt bin ich erstaunt, wie leicht es mir gemacht wird, hier Kontakt zu finden. Schon richtig liebe Freundschaften sind entstanden. Darüber bin ich sehr froh, denn ihr wisst ja, als Westfale ... (siehe*).

Aber manchmal macht mich diese direkte Art im Umgang auch echt sprachlos. Da war zum Beispiel folgende Situation: Ich ging vom Rathaus zum Brühl rüber, die Post unter dem Arm. Ich hatte supergute Laune, die Sonne schien und ich hatte gerade die Belegexemplare eines neuen Buches bekommen. Plötzlich stellte sich mir ein Mann in den Weg. "Sagen Sie mal", fragte er. "Sind Sie wohl noch zu haben?" Und obwohl ich eigentlich nicht auf den Mund gefallen bin, fiel mir diesmal echt keine schlagfertige Antwort ein. Von Andreas Cramer lernte ich aber ein wichtiges gothsches Lebensmotto: "Liewer wiesawie wie dichd darbie."
In diesem Sinne herzliche eingegoth’schte Grüße.

(Einen lieben Dank an Andreas Cramer für seine Einführung in die gothsche Sprache)

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