gotha.de - :: Leben in Gotha :: Bürgerengagement, Ehrenamt, Projekte :: Kurd-Laßwitz-Stipendium :: Annette Weber 2017

Annette Weber: Alle Kolumnen 2017

28.01.2017, Wenn das Auto lästig wird

In Gotha brauche ich kein Auto. Das merke ich schnell, als ich die Wege durch die Stadt, zur Bibliothek, zum Kulturhaus oder zum Schloss mache. Alles ist fußläufig zu erreichen – und für die spannenden Ausflugziele in den Thüringer Wald lockt die vorbeifahrende Straßenbahn mit Aufschriften wie "Inselberg" oder "Tabarz". Problematisch ohne Auto wird es nur in den Zeiten, in denen ich mal nach Hause will oder auf Lesereise gehe, denn Gotha ist nicht gerade von IC-Strecken umzingelt, der Ort aus dem ich komme (Bad Lippspringe) besitzt nicht mal einen Bahnhof. Außerdem habe ich manchmal einiges an Gepäck zu transportieren, besonders die Bücherkisten oder die Prospekte sind verdammt schwer.
Doch was mache ich mit meinem Auto, während ich in Gotha bin? Die Frage stellt sich mir schon beim Einzug, als ich es vor dem Haus im Brühl parke. Denn während ich noch Bücherkisten und Koffer hin und herschleppe, bauen sich zwei strenge Ordnungshüter vor meinem Auto auf. Ich kann nur durch geschickte Verhandlungen verhindern, dass sie mich aufschreiben, sie drohen mir aber an, den Weg in einer halben Stunde erneut am Brühl entlang vorbeizuschreiten, und wenn ich dann nicht verschwunden bin, würde es ernst. Das glaube ich ihnen auf der Stelle. Ich beeile mich mit dem Be- und Entladen und suche ein knöllchenfreies Plätzchen für mein Auto. In der Nähe der Innenstadt finde ich einen Parkplatz, der gebührenfrei ist.
Eigentlich könnte nun alles gut sein, oder? Das Problem ist nur, dass mein Auto und ich es gar nicht gewöhnt sind, tagelang getrennt zu sein. Und ob ich will oder nicht, ich denke hin und wieder an mein Auto, ob es ihm wohl gut geht bei dem Schnee und Eis.
Auf einem Einkaufsbummel mache ich einen Schlenker und statte ihm einen Besuch ab. Bilde ich es mir nur ein, oder schaut es tatsächlich ein wenig vorwurfsvoll und frierend unter der Schneedecke hervor. Ich befreie es vom Schnee, taue das Eis mit dem Eisspray ab. Dann mache ich mich mit schlechtem Gewissen aus dem Staub.
Als ich zwei Tage später wieder vorbeikomme, ist der Blick meines Autos eindeutig trauriger geworden. Bedrückt steht es dort zwischen den anderen Autos, als hätte ich es zu einem ganz beliebigen und austauschbaren Gegenstand degradiert. Wieder befreie ich es von Eis und Schnee, setze mich schließlich hinein und fahre es von einer Parklücke in eine andere. Nun kann es mal eine andere Perspektive von Gotha wahrnehmen, und ich habe überprüft, ob die Batterie den Witterungsverhältnissen noch standhält.
Als ich zwei Tage später wieder meinen Weg an meinem Auto vorbei wähle, überkommt mich das Mitleid, und ich drehe mit ihm eine Runde durch die Stadt. Am Wochenende hole ich es dann zu einem längeren Ausflug ab.
Ist das nicht verrückt im Leben? Irgendwann hat man die Kinder groß, die Haustiere sind den Weg ins Jenseits gegangen und man könnte endlich wieder frei und unabhängig leben, wie in alten Zeiten. Doch ausgerechnet jetzt macht man sich abhängig von Autos und anderen technischen Errungenschaften, die doch eigentlich das Leben vereinfachen sollten. Denn ich habe ja noch gar nicht von meiner Waschmaschine erzählt, die nach mir pfeift, wenn die Wäsche fertig ist. Und eine Freundin von mir besitzt einen Backofen, der mit einer penetranten Stimme alle fünf Minuten behauptet, das Essen sei fertig, obwohl das gar nicht stimmt. Da haben wir es also: Sie sind schon lange unter uns, als diese beseelten technischen Raffinessen, die uns mit ihren Forderungen quälen. Ohne dass wir es bemerkt haben, haben sie längst die Macht übernommen. Und wir sorgen uns um sie oder tanzen nach ihrer Pfeife, ganz wie es ihnen gefällt.

Kontakt:

Stadtverwaltung Gotha
Referat für Presse, Öffentlichkeitsarbeit, Städtepartnerschaft und Kultur
Telefon: 03621 222-234

Anschrift: Historisches Rathaus
Hauptmarkt 1
Telefax: 03621 222-293
E-Mail: presse@gotha.de