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Annette Weber: Alle Kolumnen 2017

12.08.2017, Mit den Augen des Künstlers

Kennen Sie das auch? Da lesen Sie ein Buch, einen tollen Roman, einen spannenden Krimi, ein nettes Kinderbuch, und dann läuft der Film im Kino an und Sie sind bitterenttäuscht. Die Romanfigur haben Sie sich völlig anders vorgestellt. Die Handlung ist gekürzt und auf die spannenden Elemente reduziert. Manchmal hat man sogar das traurige Ende in ein Happy End verwandelt.
Mir geht es eigentlich mit jedem Buch so, das verfilmt wird – ich habe noch nie den Film besser als das Buch gefunden.
Anders geht es mir bei Denkmälern. Bildhauer haben ja die schwere Aufgabe, einerseits das Aussehen der Person einigermaßen treffend wiederzugeben, andererseits auch die Haltung und das Schaffen dieser Persönlichkeit irgendwie im Standbild erkennbar machen.
Die Arnoldistatue auf dem Erfurter Platz zum Beispiel finde ich zum Beispiel wirklich geglückt. Professor Bernd Göbel schuf einen nachdenklichen und in sich gekehrten Ernst Wilhelm Arnoldi, der betroffen vom Schicksal der Menschen, die nach einem Brand in große Armut gerieten, nach einer Lösung sucht. "Den Buckeligen" nannten viele das Denkmal nach ihrer Enthüllung, weil ihnen die krumme Haltung Arnoldis nicht behagte. Aber wenn man auf einem Stein sitzt, nimmt man nun mal diese Haltung ein, außerdem zeigt sie Arnoldi als nachdenklichen, klugen und introvertierten Menschen, und das macht ihn sympathisch.
Ebenfalls gelungen finde ich die Statue von Johann Sebastian Bach, denn so wie hier auf dem Meilenstein in Arndstadt kennt ihn kaum jemand. Ich jedenfalls kannte nur Bilder von Bach auf denen er alt war, eine Perücke trug und ein strenges, feistes Gesicht hatte. Hier in Arnstadt präsentiert sich ein völlig anderer Mensch, jung, respektlos, ein bisschen genervt und auch ein bisschen traurig lümmelt er sich gegen einen Stein. "Er chillt", würden die Jugendlichen sagen. Aus seiner Biografie erfahre ich, dass er mit 18 Jahren nach Arnstadt gezogen ist und dort seine erste Anstellung als Organist erhielt. Er erlebte seine Jugend in dieser Stadt, verliebte sich, durchlebte einige nicht definierte Eskapaden, und hatte auch die eine oder andere handgreifliche Auseinandersetzung. Dieser aufrührerische junge Geist wird in diesem Denkmal gut wiedergegeben und zeigt eine ganz andere Seite des genialen Musikers.
Und nun gibt es diese neue Bronzeplastik in Gotha. Unterhalb des strengen Blickes von Ernst dem Frommen wird seine Tochter Herzogin Luise Dorothea dargestellt. Sie wird als kluge Frau beschrieben, ist Verfechterin des aufklärerischen Gedankenguts, Freundin von Voltaire und Friedrich dem Großen. Aber seien Sie mal ehrlich. Haben Sie sich diese Frau so vorgestellt? So richtig klug sieht sie nicht aus mit dieser Stupsnase und dem etwas weggetretenen abwesenden Lächeln. Und was ist eigentlich mit ihrer Kleidung passiert? Sie scheint keine Unterwäsche zu tragen, schiebt erotisch ihr linkes Bein durch den Schlitz ihrer Kleidung. Der Ausschnitt bedeckt nur ganz haarscharf ihren Busen. Ihr Bauchnabel und ihr Po scheinen durch den dünnen Stoff hindurch. Sie dreht ihrem Vater den Rücken zu, ist ihm offenbar gerade entkommen, denn sonst wäre der sicherlich vor Entsetzen über diese erotische Ausstrahlung von seinem Denkmal gefallen.
Aber war die Mode Anfang des 18. Jahrhunderts so? Im Zeitalter der Aufklärung trug man "Manteaus". Die waren zwar tatsächlich vorne offen, aber es wurde ein Rock darunter sichtbar. Und selbstverständlich wurde ein Korsett darunter "spiralig geschnürt", wie Wikipedia verrät.
Vielleicht aber wollte Göbel eine moderne Frau darstellen, die sich nicht um Konventionen und Mode schert, die sich frei macht von dem strengen Blick des Vaters und der Gesellschaft, die trägt, was ihr bequem ist und in dem sich ihr Körper frei entfalten kann. Aber genau da haben wir die Falle. Niemals würde sich eine Frau dann für diese Kleidung entscheiden. Da muss man ja ständig den Stress haben, dass einem das Tuch vom Busen rutscht und man plötzlich nackig auf dem Hauptmarkt steht. Wenn eine Frau sich frei und ungezwungen fühlen möchte, hätte sie sicherlich T-Shirt, Jogginghose und Schlappen getragen.
Da sieht man eben, dass ein Mann das Denkmal gemacht hat.

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