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Annette Weber: Alle Kolumnen 2017

07.10.2017, Lesereize

„Von allen Welten, die der Mensch erschaffen hat, ist die der Bücher die Gewaltigste“, sagte Heinrich Heine. Leider empfinden immer weniger Menschen dieses Zitat als zutreffend für sich.
Ich als Lehrerin und Kinder- und Jugendbuchautorin war eine der ersten, die es deutlich zu spüren bekamen: Die Kinder lasen nicht mehr. Immer weniger Schüler berichteten davon, ein Buch gelesen zu haben, und viele nannten bei der Frage nach ihrem Lieblingsbuch genau die Lektüre, die wir gerade in der Klasse lasen, aber nicht, weil sie die so toll fanden, sondern weil es das einzige Buch war, das sie bisher gelesen hatten.
Nun ist die zweite Generation Nichtleser herangewachsen. Einer Riesenauswahl an Büchern steht eine Riesengruppe an Menschen gegenüber, denen das Lesen nichts bedeutet. Während ich früher mein ganzes Taschengeld gegen Bücher eintauschte und den Bibliotheken die Türen einrannte, kriegt man heute Bücher in Massen geschenkt. Auch das Flatratelesen hat eingesetzt.
In solchen Zeiten haben es Buchhandlungen und Büchereien besonders schwer. Bei einer Lesung stellte mir tatsächlich mal ein Schüler die Frage: „Wo kann man eigentlich ein Buch kaufen?“ Menschen, die in ihrem Leben an Buchhandlungen vorbeilaufen, ohne sie zu registrieren, sind sicherlich auch noch nie in einer Bücherei gewesen. Umso wichtiger wird es, Ideen zu entwickeln, sie einmal in eine Bibliothek einzuladen, um ihnen die Schwellenangst zu nehmen und sie mit dem unterschiedlichsten Angebot von gedruckten Texten zu konfrontieren.
Die Heinrich-Heine-Bibliothek hat den Zahn der Zeit rechtzeitig erkannt und hat gute Konzepten aufgestellt, Menschen zu sich einzuladen. Da sind zum Beispiel die schönen Leseangebote, die es für alle Lesegenerationen gibt, und die immer wieder davon überzeugen, dass Lesen eine ganz eigene Chance ist, sich in eine andere Welt zu beamen, ohne die Sicherheit eines geschützten Raumes zu verlassen. Jeden Tag ist eine Kindergruppe in der Bibliothek zu Besuch, es wird vorgelesen, durch die Räume geführt, themenspezifische Veranstaltungen wie die zum Cybermobbing finden statt, doch auch Veranstaltungen wie „Lesen an ungewöhnlichen Orten“ sind Dauerbrenner unter den Gästen. Neben den Lese- und Schreibveranstaltungen gibt es aber auch zahlreiche niederschwellige Angebote, die die Menschen einladen, in der Bibliothek vorbeizukommen und auf die Weise diesen Ort als Kulturstätte kennenzulernen.
Eine dieser Angebote habe ich in der vergangenen Woche besucht. Ein Vortrag über Graffiti eröffnete das Projekt „Neo-Luther“ und lud uns dazu ein, ein großes Lutherbild zu sprühen, außerdem verschiedene Thesen an eine Tür zu nageln. Viele Zuschauer waren gekommen, um passiv und aktiv an dieser Aktion teilzunehmen. Für mich hatte diese Aktion eine ganz besondere Bedeutung, denn Sprayern begegne ich eher mit Skepsis. Nun durfte ich den Mund von Martin L. in Quietschorange sprayen, das war schon eine besondere Ehre.
Aber auch Erzählcafés, Vorträge der Seniorenakademie, Weinverköstigungen und vieles andere locken die Menschen in die Bibliothek und bieten mit ihren niederschwelligen Angeboten an, einfach nur mal in den Räumen herumzuschauen.
Natürlich sind diese unendlich vielen spannenden Veranstaltungen nur dann möglich, wenn man auch auf einen guten Stamm an „Manpower“ zurückgreifen kann. Nicole Strohmann, die Leiterin der Bibliothek, gründete 2012 den Freundeskreis der Stadtbibliothek, der mittlerweile über hundert Mitglieder verfügt, und die zur Stelle sind, wenn mal wieder Kuchen gebacken oder Plakate zu verteilen sind, aber auch nicht mit kräftigen Finanzspritzen geizen.
Für mich ist die Stadtbibliothek ein Ort, an dem ich gerne verweile, die Ruhe und die vielen Bücher, die Freundlichkeit und diese besondere Atmosphäre genieße.
Wer sich in der Bibliothek umschaut, dem fällt vielleicht auf, dass es nirgends ein Verbotsschild gibt. Dabei gäbe es sicherlich so einiges, das man mal verbieten müsste. Zum Beispiel, dass man nicht mit einem Butterbrot und einem Kaffee an dem bibliothekseigenen Computer sitzt.  Aber an dieser Stelle macht einen ein freundliches Schild darauf aufmerksam: „Essen können Sie gerne in unserem Lesecafé.“ So kann man es also auch formulieren.

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