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Annette Weber: Alle Kolumnen 2017

23.09.2017, Kleine Inseln

Jedes Mal wenn ich an dem Schild "Heute empfehlen wir Ihnen..." auf dem Hauptmarkt vorbeikomme und den aktuellen Speiseplan des Mehrgenerationshauses lese, überkommt mich eine Hungerattacke. Viele dieser Gerichte kocht man sich nicht, wenn man Single ist, erst recht nicht, wenn man wie ich nicht besonders gerne kocht. Das Mehrgenerationenhaus hat immer leckere Sachen zu bieten, und der Preis ist indiskutabel billig. Einige Male kann ich nicht wiederstehen und gehe hier zum Mittagessen vorbei. Dabei fallen mir die vielen jungen Eltern auf, die in gemütlicher Runde zusammensitzen, die Schmatzebacken spielen im Spielzimmer, liegen zum Schlafen im Kinderwagen oder werden gerade gestillt. Die jungen Eltern haben offensichtlich einen Ort gefunden, an dem sie sich treffen können. Darum beneide ich sie. Das hätte ich auch gerne gehabt, als unserer Kinder klein waren.
Auch ein flottes Sportprogramm gibt es im Mehrgenerationenhaus, genauso wie spannende Workshops und Begegnungen.
Immer wieder fallen sie mir hier in Gotha auf, diese kleinen Inseln, die es Menschen ermöglichen, einander zu begegnen und sich austauschen zu können.
Eine direkte Insel sehe ich täglich, wenn ich von meiner Stadtschreiberwohnung auf den Hof schaue: Das Frauenzentrum. Wenn ich die beiden Mitarbeiterinnen sehen, winken wir einander zu, manchmal schaue ich auch auf einen Sprung (und einen Kaffee) bei ihnen vorbei. Wir leben in guter Nachbarschaft. Jeden Morgen von Montag bis Donnerstag öffnen die beiden ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen die Tür des Frauenzentrums und bieten den Frauen die Möglichkeit an, sich hier zu treffen. Es gibt kreative Angebote, Selbsthilfegruppen und sportliche Betätigungen. Und wieder bewundere ich Menschen, die sich die Zeit nehmen, so selbstverständlich und regelmäßig ehrenamtlich zu arbeiten und dafür zu sorgen, dass andere sich treffen und begegnen können. 
Aber auch ein paar Straßen weiter in der Jüdenstraße treffe ich auf eine dieser Inseln, der Club Galletti, eine Organisation der Volkssolidarität. Hier gibt es ebenfalls verschiedene Aktionen, Tanzveranstaltungen, Fotoclubs, aber auch viele Selbsthilfegruppen, nicht nur für ältere und kranke Menschen, sondern für alle. Besonders unterstützt werden auch pflegende Angehörige, die immer mal wieder an ihre Grenzen geraten und selbst Unterstützung brauchen.
"Man verbindet den Begriff 'Volkssolidarität' ja immer mit alten Menschen in der Pflege", sagt die Geschäftsführerin Frau Böhm. "Aber wir bieten viel mehr als nur das."
Da es die Volkssolidarität bei uns in Westfalen nicht gibt, hatte ich sowieso keine Vorstellung davon, was sich hinter diesem Wort verbarg. Ich hatte es sogar zunächst für das Parteibüro der Linken gehalten.
Und während wir noch miteinander reden, wird es im Nachbarraum gesellig. Hier treffen sich Singles zum gemeinsamen Mittagessen. Was für eine schöne Möglichkeit, in gemütlicher Runde zusammen zu sitzen, statt vielleicht allein in der Wohnung zu essen.
Einen Tag später sehe ich mir noch eine weitere Insel an: Das Big Palais in der Schäferstraße, eine Insel für Kinder und Jugendliche. Was für ein toller riesiger Bau mit so großen Räume und so vielen tollen Angeboten, ganz zu schweigen von den unglaublich witzigen und originellen Außenanlagen. Hier bieten sich wirklich zahlreiche Möglichkeiten, kreativ zu werden. Besonders die Medienprojekte und der Graffitiworkshop reizen mich. Vielleicht ergibt sich für mich mal die Möglichkeit, mich unter die Jugendlichen zu mischen und mitzumachen.
Trotz allem höre ich immer mal wieder Kritik, es würde zu wenig für die Älteren, die Jugend oder die jungen Familien getan. Natürlich, man sollte sich nie mit dem begnügen, was ist – Stillstand ist Rückschritt. Aber seien wir doch mal ehrlich: Das was da ist, ist doch auch schon verdammt gut.

(Alle tollen Organisationen, die ich noch nicht erwähnt, vielleicht auch noch nicht mal wahrgenommen habe, bitte ich herzlich um Entschuldigung – und einige kommen mir ja vielleicht noch unter die Tastatur.)

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