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Annette Weber: Alle Kolumnen 2017

09.09.2017, Gotha r-adelt

"Ich könnte nicht in einer Stadt leben, in der man nicht Fahrrad fahren kann", sagt meine Schwester, während sie mit mir zusammen den Berg zum Schloss hochjapst. Meine Schwester kommt aus Göttingen. In Göttingen haben die Fahrradfahrer schon lange die Macht übernommen, sie haben sogar eigene Radschnellwege in der Stadt bekommen, auf denen die Rennfahrer unter sich sind. In der Regel erkennt man sie daran, dass sie ihre Stöpsel im Ohr haben und im Pulk auch noch bei Rot über die Ampel fahren.
Ich sehe es nicht ganz so eng wie meine Schwester, aber auch ich fahre gerne Rad, und da finde ich auch, dass Gotha nicht gerade eine Fahrradstadt ist. So schön wie Berge nun mal sind, sie sind nicht gerade dazu da, um dem Radfahrer das Leben zu erleichtern. Auch das Kopfsteinpflaster, so schön wie es aussieht, weckt bei mir so manche böse Kindheitserinnerungen an Verletzungen auf dem Schulweg.
Und das Umland, der Thüringer Wald mit all seinen Bergen, die Burgen von Drei Gleichen, der Rennsteig, Oberhof – sie alle laden zu vielen Aktivitäten ein, aber nicht zum Fahrradfahren.
Als ich am Touristencenter vorbeikomme, weckt ein blaues Fahrrad im Schaufenster mein Interesse. "Leihen Sie sich ein Fahrrad aus."
Ich betrete das Center, schaue mich in den Fächern und Regalen nach Flyern um und entdecke einige interessante Radtouren, die Städtekette zum Beispiel, die von Eisenach bis Altenburg führt und an den Städten Gotha, Erfurt und Weimar vorbeiführt. Oder die Bach-Erlebnisroute, der Apfelstädt-Radweg oder der Nessetalradweg. Aber ob die was für mich sind? Schließlich bin ich eher Flachland-Radfahrer. Ein netter Herr berät mich. Diese Radtouren sind nicht an Mountainbike-Fahrer gerichtet, sondern an stinknormale Otto-Normalverbraucher-Radfahrer wie mich, verspricht er mir. Ich buche mir für den folgenden Tag ein Rad und nehme mir die Flyer mit, um meine Fahrt vorzubereiten.
Am nächsten Tag radele ich los, fahre ein Stück auf der Städtekette entlang, die mich auf die Bach-Erlebnisroute führt. Es ist ein schöner sonniger Herbsttag, und ich bin überrascht, wie gut es sich fahren lässt. Bis auf einen kleinen seltsamen Pattweg hinter Gotha (aber vielleicht habe ich mich da auch verfahren), ist die Strecke einfach zu fahren und führt mich durch hübsche Städtchen und Landschaften. Mit dem Rad hat man immer ganz andere Perspektiven. Ich stelle fest, dass der Thüringer Wald zwar bergig ist, aber dass es die Radwegplaner verstanden haben, geschickt um diese Berge herumzuführen. Kaum habe ich diesen Gedanken zu Ende gedacht, sehe ich, wie sich der Weg einen riesigen Berg hinaufschlängelt. "Oh nein!", denke ich und sehe mich schon in Gedanken das Rad den Berg hinaufschieben. Aber dann entdecke ich im letzten Moment ein Schild an der rechten Seite. Der Radweg biegt kurz vor dem Berg ab.
Auf der Tour gelingt mir ein Foto, das ich immer schon mal machen wollte: Alle Drei Gleichen auf einem Bild. Ich dachte schon, ich müsste das Foto von der Mitte der Autobahn machen, jetzt aber habe ich genau dazu die Gelegenheit, der Radweg überkreuzt nämlich die Autobahn.
Die Fahrt hat so großen Spaß gemacht, dass ich das Rad gleich für den nächsten Tag wieder buche. Der nette Herr vom Touristenbüro empfiehlt mir als Flachland-Radfahrer den Nessetalradweg, und der ist wirklich ein Traum. Teilweise ist es so still unterwegs, dass ich das Gefühl habe, ganz alleine auf der Welt zu sein. Ich radele über kleine Dörfer, vorbei an Wiesen, Flüsschen, Holundersträuchern und Apfelbäumen. Ich fahre bis Friedrichswerth und mache mich dann auf den Rückweg.
Die einzigen Menschen, die mir hin und wieder begegnen, sind Single-Radfahrer, männlich, im perfekten Sport-Outfit und in ganz anderem Tempo unterwegs als ich. Sie wissen nicht so recht, ob sie mich grüßen sollen. Mit meinem Pulli, der Jeans und dem blauen Rad sehe ich wahrscheinlich eher mitleiderregend für sie aus. Ich grüße sie trotzdem freundlich – auch wenn sie für mich ebenfalls lächerlich aussehen mit dieser seltsamen Radelhose und dem enganliegenden Dress in Gelb oder Orange. Schließlich bin ich ein toleranter Mensch!

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