gotha.de - :: Leben in Gotha :: Bürgerengagement, Ehrenamt, Projekte :: Kurd-Laßwitz-Stipendium :: Annette Weber 2017

Annette Weber: Alle Kolumnen 2017

08.04.2017, Die Kraft der Familie

"Blut ist dicker als Wasser" sagen die einen und schwören auf die Kraft und den Zusammenhalt in der Familie. "Verwandtschaft kann man sich nicht aussuchen", sagen die anderen und denken vielleicht an peinliche Familienfeste, an schwierige Auseinandersetzungen mit den Eltern oder an Streitereien mit Geschwistern.
Die ursprüngliche Familie mit Vater, Mutter und Kind, vielleicht noch Geschwistern ist offenbar ein Auslaufmodell. Jeder 5. Jugendliche wächst mittlerweile bei einem Elternteil auf. Dafür sind andere Familienmodelle wie Patchworkfamilien, Pflegefamilien und Regenbogenfamilien als Alternative dazu gekommen.
Aber ob man will oder nicht, der Wert, den die Familie für ein Kind hat, ist nicht zu unterschätzen. Hier lernt das Kind, Geborgenheit und Vertrauen zu entwickeln und es lernt Werte und Kompetenzen kennen, die es zur Teilnahme am gesellschaftlichen Leben befähigt. Durch die Familie entsteht schon in der Kindheit eine intensive persönliche Bindung. Und wer diese Bindung nicht kennen gelernt hat, tut sich schwer mit dem Vertrauen in andere Menschen.

Einen ganz ungewöhnlichen Familienclan lerne ich in Gotha-Siebleben kennen. Die Artistenfamilie Weisheit. Seit sechs Generationen sind die Weisheits auf dem Hochseil aktiv und zeigen in schwindelerregender Höhe Kunststücke, die den Zuschauern den Schweiß auf die Stirn treibt.
Was es heißt, wenn man als Kind in so eine Familie geboren wird, erzählt mir Peter Mario Weisheit, Familienoberhaupt und gleichzeitig einer der Hauptakteure der gefährlichen Stuntshow. Schon als Dreijähriger lernte er, auf dem Seil zu balancieren, nicht weil er es musste, sondern weil es alle machten und man dazu gehören wollte. Früh wird man bei den Weisheits mit in die Show eingebunden. Es macht dem Publikum Spaß, zu sehen, wie ein kleines Kind um die Beine des Vaters herumbalanciert, und dem Kind macht es Spaß, Teil der Show zu sein und Applaus zu bekommen. Auf die Weise gehört man dazu und trägt, wie alle anderen, zum Gelingen der Show bei. Mit Großeltern, Eltern, Onkel, Tante, Geschwistern und Cousins zieht man neun Monate lang durch die Welt und erlebt viele intensive Momente. Allerdings muss man sich auch immer wieder von Freunden verabschieden und ständig die Schule wechseln.
Dieses unstete Leben kann man vor allem dann gut aushalten, wenn einem die Familie Kraft und Geborgenheit gibt.
Der Familienclan der Weisheits ist aber auch stolz darauf, dass jeder von ihnen ganz besondere Kompetenzen hat, die für die Gruppe von großer Wichtigkeit ist und für die man dann ganz allein verantwortlich ist. So ist jeder in der Familie verpflichtet, einen Beruf zu erlernen, der in dieser Gruppe gebraucht wird. Das sichert einmal die Unabhängigkeit der Gruppe, zum anderen hat dadurch auch jeder die Möglichkeit, aus der Artistengruppe auszusteigen. So findet man unter den Weisheits Schweißer, Mechatroniker, Schneider, Übersetzer und vor allem LKW-Fahrer. In diesen drei Ausbildungsjahren ist eine Pause vom Artistenleben angesagt. Man muss bei den Großeltern bleiben und die Ausbildung durchlaufen.
"Das war eine öde Zeit", erinnert sich die Tochter und verdreht die Augen. Und es ist eben auch eine echt lange Zeit, in der man sich vom Artistenleben verabschieden muss. Allerdings erklärt ihr Vater auch, dass die Familie vieles unternimmt, um die Kinder in den Ferien dazu zu holen. Wie ist es möglich, so eine enge Familienbildung auszuhalten, will ich wissen. Immerhin sind vierzehn Familienmitglieder privat und beruflich miteinander verbunden, reisen zusammen weite Strecken durch die Welt und erleben eine gefährliche Artistenshow, in der sie hoch konzentriert zusammenarbeiten müssen. Weisheit setzt auf regelmäßige Familiengespräche, in denen die kleinsten Differenzen miteinander besprochen werden. Außerdem nennt Peter Mario Weisheit die Freiwilligkeit als großes persönliches Gut. Jeder hat die Wahl. Man kann sich auch ein ganz eigenes Leben außerhalb der Artistengruppe aufbauen und wird genauso geschätzt und gebraucht, wie die, die mit auf Reisen sind. Aber die Mehrheit der Familie entscheidet sich für das Artistenleben. Wenn man den Beruf, das Reisen und die Nähe der Familie als positiv erlebt, kann man eben daraus eine große Kraft ziehen und erlebt die Familie als Stärkung und Stabilität. Und dann hat man auch genug Vertrauen, auf einem Trapez unter dem Motorrad des Vaters zu hängen und sich in 60 Meter Höhe über das Hochseil fahren zu lassen.

Kontakt:

Stadtverwaltung Gotha
Referat für Presse, Öffentlichkeitsarbeit, Städtepartnerschaft und Kultur
Telefon: 03621 222-234

Anschrift: Historisches Rathaus
Hauptmarkt 1
Telefax: 03621 222-293
E-Mail: presse@gotha.de