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Annette Weber: Alle Kolumnen 2017

17.06.2017, Der Mann in meinem Schlafzimmer

Wenn man wie ich so viel unterwegs ist, bleiben immer einige Dinge auf der Strecke. Gesellschaftliche Verpflichtungen zum Beispiel, oder Heimatfeste oder Familien-, Geburtstags- und Nachbarschaftsfeiern. Immer bin ich gerade nicht vor Ort, wenn eine liebe Freundin ihren runden Geburtstag feiert oder die Stadtbibliothek Tag der offenen Tür hat, oder die Heimatstadt die Landesgartenschau eröffnet. Man lernt zu verzichten und andere Prioritäten zu setzen.
Auch viele Gegenstände gehen beim Pendeln zwischen den Orten irgendwie verloren. Schirme grundsätzlich, aber auch Schmuck, Geld, Ladegeräte, Tabletten, oder wie jetzt gerade meine Lieblingsbrille. Ich weiß natürlich, dass ich sie nicht weggeworfen habe, aber sie bliebt verschollen. Auch habe ich in jedem Schrank an jedem Wohnort die falschen Sachen hängen. Die Wintersachen noch in Gotha, die Schwimmsachen im Spreewald, die Sportsachen in Bad Lippspringe – immer denke ich beim Öffnen des Schrankes: Ach, wäre das schön, wenn ich jetzt diese Jeans mit den großen Taschen anziehen könnte. Oder der schwarze Kuschelschlumpf mit der Kapuze. Oder diese schicke Jacke mit den dicken Knöpfen. Aber diese Lieblingsstücke befinden sich im Moment genau da, wo ich nicht bin. Und vor einiger Zeit habe ich sogar eine Fahrt angetreten und mein Handy zu Hause gelassen. Das hat mich so unglücklich gemacht, dass ich beinahe zurückgefahren wäre. Nicht dass ich derartig abhängig von meinem Handy wäre, aber so ganz ohne WhatsApp, Internet, Uhr und Terminkalender direkt an seiner Seite fühlt man sich verdammt einsam. (Gott sei Dank war ich nur wenige Tage weg und hatte wenigstens mein Laptop dabei, sodass die grobe Terminplanung gegeben war.)
Auch muss ich jedes Mal nachts kurz überlegen, wo ich bin. An jedem Ort sind die Geräusche anders, überall befindet sich dir Tür zum Schlafzimmer woanders und der nächtliche Weg zur Toilette muss gut überlegt werden. Auch ist das Gefühl an jedem Ort ein anderes. In meiner schönen Schriftstellerwohnung im Brühl zum Beispiel bin ich nachts und am Wochenende ganz alleine in dem großen Haus. Unter mir befindet sich das Büro der KultourStadt, darunter das Frauenzentrum und eine Betreuungseinrichtung für Senioren, alles Institutionen, die nur bis zum frühen Abend besetzt sind. Abends und vor allem nachts bin ich allein. Ich muss dazu sagen, dass ich kein besonders ängstlicher Mensch bin. Ich weiß, statistisch gesehen ist die Wahrscheinlichkeit nicht sehr hoch, dass man in seiner Wohnung überfallen wird, und dass man dann auch noch umgebracht wird, kommt zwar vor, aber doch eher selten. Dazu hoffe ich ja wohl, dass ein Einbrecher entweder nicht weiß, dass sich dort eine Wohnung befindet, oder er weiß es, ihm ist aber bewusst, dass dort der Stadtschreiber lebt. Und bei Autoren ist in der Regel wenig Geld dafür aber viele Bücher zu finden, und das ist für Einbrecher ja selten ein lukratives Geschäft.
In dieser Nacht aber werde ich von einem unbekannten Geräusch wach. Ich lausche in die Dunkelheit hinein. Da ist jemand ganz in meiner Nähe. Ist er in meinem Schlafzimmer? Ich liege bewegungslos und horche. Nein, nein, nur eine Täuschung. Das ist draußen auf der Straße, versuche ich, mich zu beruhigen. Ich drehe mich auf die Seite und versuche wieder in den Schlaf zu finden. Doch jetzt spüre ich ganz genau, dass jemand in meinem Zimmer ist. Er bewegt sich sehr leise, und doch weiß ich genau, dass er da ist. Ganzkörpergänsehaut von den Zehen bis zu den Haarspitzen.
"Ist da jemand?", fragte ich todesmutig.
"Ja, ich bin’s", sagt jemand, und die Stimme kommt mir irgendwie bekannt vor. Mein Gehirn arbeitet. Dann fällt mir ein Stein vom Herzen. Es ist mein Mann. Und ich bin auch gar nicht in Gotha. Ich bin zu Hause.
Es dauert eine halbe Stunde, bis mein Herzschlag wieder auf einen Normalzustand runtergefahren ist.

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