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Annette Weber: Alle Kolumnen 2017

01.07.2017, Der Gothaer Buchstabenklau

Als ich auf dem Parkplatz am Schützenberg parke, fällt es mir sofort auf. Bei der Aufschrift "Hotel Schützenberg" fehlen ein paar Buchstaben. Das S und das b sind fort. Der Wind, denke ich, obwohl das im Grunde nur für den Anfangsbuchstaben ein sinnvolles Argument wäre. Aber vielleicht war der Buchstabe b einfach nicht fest genug in die Wand gedübelt.
Mein Weg zum Kaufland führt mich an einer Würstchenbude vorbei, und mir springt erneut ein Wort ins Auge, bei dem ein Buchstabe fehlt. Aus der Rostbratwurst ist eine Ostbratwurst geworden. Zufall, denke ich, aber ich muss zugeben, dass ich aufmerksam werde. Immerhin ist die Wortveränderung witzig, und es sieht aus, als hätte sich ein Scherzkeks an dem Bratwurststand zu schaffen gemacht.
Wenn man erst mal aufmerksam wird ... Plötzlich gehe ich mit wachen Augen durch die Innenstadt. Das Backhaus aus Nahrstedt weist einen fehlenden Buchstaben auf und ist in "Back aus Nahrstedt" verändert worden. Auch an der Stadt-Apotheke hat offensichtlich jemand vor einiger Zeit einen Buchstaben entwendet. Eigentlich sind alle Buchstaben in einem blassen Rosa, nur das A hat einen kräftigen roten Farbton, als wäre es vor einiger Zeit neu angebracht worden. Sollte sich auch hier der Buchstabendieb zu schaffen gemacht haben und hatte die Apotheke in eine Po-Theke verwandelt?
Mein Blick schweift über den Neuen Markt und bleibt entsetzt an der Kirchturmuhr der Margaretenkirche hängen. Selbst vor der Kirche hat der Buchstabendieb keinen Halt gemacht. Was für ein sträflicher Leichtsinn, den hohen Kirchturm hinaufzuklettern, um die 12, die 3, die 6 und die 9 abzumontieren. Da es römische Zahlen sind, fehlen damit auch Buchstaben.
Wie aber soll das weitergehen, wenn der Buchstabendieb weiterhin so skrupellos Buchstaben plündert und Wörter verändert? Macht er eines Tages aus dem Kulturhaus ein "Kult raus". Verarbeitet er das Friede-Springer-Haus zu einem "Friede spring raus"? Und was macht man, wenn an dem Neuen Rathaus eines Tages "Nee raus!" steht?
Den Fleischer Oschmann könnte er in einen Fleischer Oh Mann verwandeln, die Löwenapotheke könnte in eine Löweneke verwandelt werden (mit einem kleinen Rechtschreibfehler zwar, aber die Rechtschreibung wird ja sowieso eher vernachlässigt). Das Theatercafé hätte die Aufschrift "Tee Café", aus dem Modehaus Adler würde Mode aus Ader, das Eiscafé würde zu einem Eicafé mutieren und vor dem SPD-Haus stände in großen Buchstaben "Spy in Gotha".
Was aber macht dieser Buchstabendieb mit all den Buchstaben? Sammelt er sie um des Sammelns Willen. Man weiß ja bekanntlich, dass Sammler etwas eigenartige Menschen sind, introvertiert und beratungsresistent, und einfach nur glücklich, wenn sie die Dinge besitzen können, die ihnen lieb und wichtig sind.
Vielleicht aber handelt es sich bei dem Buchstabendieb nicht um einen ganz gewöhnlichen Dieb, vielleicht hat sein Buchstabenklau System und er verfolgt damit einen ganz eigenen großen Plan. Und so finden wir vielleicht eines Tages nach einer nebeligen mysteriösen Vollmondnacht auf dem schönen alten Rathaus in allen Arten von Schriftzeichen die Worte hängen: "Gruß vom Gothaer Buchstabenräuber".
Bis dahin muss er aber noch so einige Klettertouren hinter sich bringen. Bleiben Sie also wachsam!

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