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Annette Weber: Alle Kolumnen 2017

25.03.2017, Der 8. März

Als ich morgens am 8. März auf die Erfurter Straße einbiege, hält mir ein Mann vor einem Blumenladen eine rot-weiße Nelke entgegen. Dankend lehne ich ab. Ich habe schließlich gelernt, dass es nichts auf der Welt kostenlos gibt und bin mir ganz sicher, dass der Mann mich nur in seinen Laden locken will, um mich vom neusten Frühlingsblumenangebot zu überzeugen. Der Mann reagiert überrascht und gibt die Nelke an eine andere Frau weiter. Zu spät erkenne ich das kleine Schildchen auf dem Stiel: Internationaler Frauentag. Mist! Jetzt ärgere ich mich, die Blume nicht genommen zu haben. Das wäre ein schöner Facebookpost geworden. Aber wie sieht das denn aus, wenn ich jetzt noch mal zurückgehe und sage, ich hätte doch gerne eine.

Den Internationalen Frauentag gab es bei uns im Westen nicht. Es gab ein paar Kommunisten, die ihn in ihrem kleinen Kreis feierten, aber in der Bevölkerung war er nicht bekannt. Mein sehr traditioneller Vater erklärte mir auch den Grund dafür: Den Frauen in den sozialistischen Ländern würde vorgegaukelt, sie wären emanzipiert, und darum hätte man den Feiertag ins Leben gerufen, meinte er. In Wirklichkeit aber müssten die Frauen im Straßenbau arbeiten. Frei und emanzipiert wären nur wir Frauen im Westen, darum hätten wir diesen Tag auch nicht.
Haha, ich wusste ziemlich schnell, dass diese Geschichte nicht stimmte! Ich brauchte nur einen Blick auf die Lohnabrechnung der Konservenfabrik zu werfen, in der ich oft in den Ferien arbeitete. Für 4,50 DM wäre kein Mann morgens aus dem Bett gekrochen. Aber mein Vater ließ sich nicht gerne sein Weltbild zerstören, in der der Mann das Geld verdiente und die Frau sich zu Hause um den Haushalt und die Familie kümmerte.

Bei uns im Westen gab es vor allem den Muttertag. Der war schon als Kind für mich eine ziemlich schreckliche Herausforderung, denn ich gehörte nicht zu den Bastelmäusen dieser Welt und meine windschiefen Muttertagsgeschenke wurden von meiner Mutter ziemlich schnell und unbarmherzig wenige Tage danach entsorgt.
Auch als ich selbst Mutter war, bereitete mir dieser Tag furchtbaren Stress. Ich erinnere mich an einen Elternsprechtag, an dem mir der Klassenlehrer meines mittleren Sohnes kopfschüttelnd eine Holzblume zeigte, die die Schüler im Kunstunterricht in feiner Laubsägearbeit erstellt hatten. Alle Blumen waren wunderschön geworden, nur mein Sohn hatte seine mit schwarzer Lackfarbe angemalt.
Und als ich an einem Muttertag in aller Herrgottsfrühe mit einem quietschenden Blockflötenkonzert geweckt wurde, die Kinder anschließend in ihrem Gedicht stecken blieben, sodass ich nach dem Lesebuch suchen musste, um ihnen weiter zu helfen, und sie anschließend bei Tischdecken den Saft verschütteten, tat ich das einzig richtige: Ich schaffte den Muttertag ab. Heute noch legen meine Kinder an diesem Tag immer eine dankbare Gedenkminute für mich ein. Manchmal rufen sie auch an und sagen so nette Dinge wie: Ich würde dir ja gerne zum Muttertag gratulieren, aber das willst du ja nicht...

Nun also erlebe ich hier in Thüringen den ersten echten Internationalen Frauentag. „Was macht man an dem Tag so?“, will ich wissen. Franx von Franx Modestübchen hat die tolle Idee, mich mit zu einer Modenschau zu nehmen. Und so verstehe ich: Am Internationalen Frauentag 27 Jahre nach der Wende unternehmen die Frauen einfach was Schönes miteinander. Die Modenschau, das Essen und das köstliche Männerballett sind auf alle Fälle sehr unterhaltsam.
"Das ist aber noch gar nichts", verrät mir eine Frau. "Nächstes Mal müssen Sie mal mit nach Erfurt fahren. Da gibt es sogar einen Männerstrip!"

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